REVIEW: Radiohead „A Moon Shaped Pool“

Radiohead by Alex LakeImmer mehr Künstler scheinen den Zirkus, den die Musikindustrie bei der Vorabpromotion von neuen Releases veranstaltet, satt zu haben. Ob jüngst Beyoncé oder James Blake – zunehmend nutzen populäre Musiker ihre Bekanntheit, um ein Zeichen gegen herrschende Labelpolitiken zu setzen. Im Fokus dieser Revolution stehen Hörer und Fans und nicht die Verkaufszahlen. So zumindest will man es dem Konsumenten glauben machen. Schaut man sich dann jedoch die ernüchternde Realität an, gelangt man recht schnell zu der Erkenntnis, dass besagte Acts es sich eben auch leisten können, neue Platten unvorhersehbar wie Kometen vom Himmel regnen zu lassen, denn das anschließende Buschfeuer ist bei ihrer Bekanntheit nur umso größer und füllt ihre Portemonnaies obendrein. Hinzukommen gesparte Kosten für Werbung und dergleichen. Doch kann und sollte man auch Radiohead, die gestern wie aus dem Nichts ihr neuntes Studioalbum „A Moon Shaped Pool“ veröffentlicht haben, dafür an den Pranger stellen? Nein. Denn sie haben erwähntes Versteckspiel auf eine völlig neue Ebene gehoben und mit gehörig Understatement unterfüttert.

A Moon Shaped PoolNachdem vor Tagen die Website von Radiohead verblasste und sich jedweder Inhalt ihrer Social-Media-Präsenzen in Luft auflöste, rätselte die Welt, was es damit auf sich haben könnte. Die Presse, derweilen völlig verunsichert, berichtet über jedes, auch noch so kleine, Augenbrauenzucken von Thom Yorke und seinen Kumpanen, immerzu wartend, dass neue Zeichen in den Äther entsandt werden würde. Und dann war es soweit. Nach der virtuellen Apokalypse begann die Ära Radiohead 2.0 mit sanftem Vogelgezwitscher. Es folgten ein Video zur Single „Burn The Witch“ und ein kleines, von Erfolgsregisseur Paul Thoms Anderson („Magnolia“, „The Master“) inszeniertes Meisterwerk zum Song „Daydreaming“. Alphabetisch, entsprechend ihrer Titelnamen, sortiert, gaben Radiohead kurz darauf schließlich die weiteren neun Songs ihres neuen Albums an das Publikum weiter – vorerst ohne visuelles Beiwerk und nur digital verfügbar. Ein physischer Release von „A Moon Shaped Pool“ ist für den 17. Juni geplant.
Doch ist all der Rummel um das aktuelle Werk der fünf Briten nun auch gerechtfertigt? Wir beantworten diese Frage für uns mit einem klaren Ja. Auf der weißen Leinwand, für die Radiohead sämtliche ihrer Web-Erinnerungen opferten, klingt „A Moon Shaped Pool“ wie der erste Sonnenstrahl an einem zwielichtigen Morgenhimmel. Auf gewohnt hohem, fast schon Ehrfurcht erweckenden Niveau balanciert das Alternative-Urgestein Radiohead zwischen Electronica, Post-Rock und dunklen Trip-Hop-Sequenzen, wie man sie seit den Anfängen Massive Attack vermisst.  Neben einigen bisher gänzlich unbekannten Stücken liefert „A Moon Shaped Pool“ darüber hinaus zahlreiche bereits länger durch das Internet kursierende Tracks – wer dies der Band zum Vorwurf machen will, der solle dies tun. Alle anderen freuen sich derweil an der Tatsache, dass es genau diese Songs nun ausgefeilt und in reinster Studioqualität zu hören gibt.
Es gilt, sich erneut vor Radiohead zu verneigen. Und zwar nicht nur für ein großartiges Album, sondern auch für die herrliche Beweisführung ihrer Wirkkraft.

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