REVIEW: Clock Opera „Venn“

clock-opera-by-simon-fernandezEs ist immer wieder interessant zu erleben, wenn ein Album dich kurz vor seinem Release einzuholen vermag – glaubtest du bis dato immer, es läge kilometerweit hinter dir und sei definitiv keine Vorstellung wert. Aber dann gibt es diesen einen Moment, in dem aus dem rauschenden Einheitsbrei, der dich zuvor wenig begeisterte, plötzlich spannende Strukturen hervortreten und sich in den Fokus deiner Aufmerksamkeit drängen. Alltagssorgen eines Musikredakteurs. Wenn einem eine Platte zur Review vorliegt und man sich schlussendlich dazu entschließt, sie von Anfang an abzuspielen, entscheiden wenige Sekunden über Begeisterung oder Desinteresse. Und hier gilt es nun die Wichtigkeit des Eröffnungsstückes – sofern man sich nicht nur an Singles entlanghangelt und das Album als Format überhaupt noch wertschätzt – zu unterstreichen. Der erste Eindruck ist ausschlaggebend dafür, ob man im Folgenden am Ball bleibt oder doch lieber den Powerknopf seiner Anlage bemüht. Deswegen ist die Wahl des Openingtracks auch unheimlich bedeutsam. „In Memory“ an die Spitze ihres Zweitwerks „Venn“ zu stellen, war ein mehr als cleverer Schachzug der Band Clock Opera. Gleichwohl der Titel einen recht melancholischen Grundcharakter haben mag, ist er in der Lage, den Hörer mit seinen feinen Arrangements zu fesseln und die Lust auf mehr zu wecken.

vennDieses „Mehr“ gibt es dann in Form einer bunten Palette aus Indietronica-Schnipseln, die sich im Gesamtbild zu einer energiegeladenen LP zusammenfügen, die nicht nur den Nerv der Zeit trifft, sondern auch mit so manch einem akustischen Kunstgriff bereithält. Schon der auf „In Memory“ aufbauende Track „Changeling“, der von glockenartigen Loops getragen wird, strotzt nur so vor Energie. Zusammen mit Stücken wie „Closer“, „Dervish“ oder „Cat’s Eye“ sorgt er dafür, dass „Venn“ einen mehr als würdigen Nachfolger für das gelobte Debüt der Londoner („Ways To Forget“, 2012) abgibt. Guy Connelly, Andy West, Che Albrighton und Nic Nell stellen sich auf „Venn“ ihren eigenen Dämonen. Sie tun dies, indem sie sie in eine große Arena führen, die vollgestopft ist mit scharfkantigen Samples, dynamischen Gesängen und fauchenden Beats. Furchtlos schwingen sie dort ihre Säbel und bieten den Hörern an, es ihnen gleichzutun. Wer also dunkle Gedanken zu vertreiben hat, bekommt mit „Venn“ das lang ersehnte Werkzeug in die Hand. Zurückbleiben – nach einer kräftezehrenden Tour de Force – gezähmte Ängste und ein Gefühl von Freiheit. Da müssen selbst  Everything Everything und alt-J wohl kurz zur Seite treten, die Stunde ihrer Landsmänner von Clock Opera hat geschlagen.

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