REVIEW: Jennie Abrahamson „Reverseries“

jennie-abrahamsonDas Touren gehört zum Musikerdasein wie der Zuckerguss auf einen echten Berliner Pfandkuchen. Wer das eine will, muss das andere lieben. Nur führt das ununterbrochene Herumreisen nicht selten dazu, dass einige Künstler vor Erschöpfung fast in die Knie zu gehen drohen. So viel Kraft sie auch aus ihren Auftritten ziehen mögen, umso stärker nagen doch Schlafmangel und ständige Rastlosigkeit an ihnen. Jennie Abrahamson fühlte sich nach der Tour zu ihrem letzten Album „Gemini Gemini“ derart ausgebrannt und müde, dass sie sich kaum noch vorstellen konnte, wieder zu Piano, Gitarre und Stift zu greifen, um an einer weiteren Platte zu arbeiten. Stattdessen investierte sie ihre verbleibenden Reserven, um sich ein zweites Standbein neben der Musik aufzubauen, sollte diese irgendwann nicht mehr in der Lage sein, den heimischen Kühlschrank zu füllen. Ohne Druck könne man eh kreativer ans Werk gehen. Und genauso sollte es kommen. Plötzlich öffneten sich zahlreiche Türen zu neuen Melodien, neuen Geschichten und einer neuen Herangehensweise an das Komponieren. Stärker als je zuvor involvierte Jennie ihre Liveband in die Entstehung dessen, was schließlich unter dem Namen „Reverseries“ Gestalt annahm.

reverseriesAuf „Reverseries“ übertrifft sich Jennie Abrahamson selbst und liefert eins der besten Popalben der 2000er Jahre ab. All die Anstrengungen und Entbehrungen, die den Weg für Songs wie „Safe Tonight“ oder die Singleauskopplungen „To The Water“, „Man In You“, „Bloodlines“ und „Anyone Who“ geebnet haben, zahlen sich darauf in hohem Maße aus. Kaum eine Platte hat es in letzter Zeit besser geschafft, Retromanie und Innovation miteinander zu verbinden. Federleicht schlägt Abrahamson die Brücke zwischen Mainstreamtauglichkeit und Raffinesse, wirkt anmutig wie Kate Bush auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und beweist mit ihrem Songwriting, welches ungeahnte Potenzial in ihr steckt. Magisch anmutende Loops ergießen sich auf „Reverseries“ in eine ausgedehnte Synthie-Kulisse, während die Stimme der Schwedin den Spannungsbogen hochhält. Trotz einer durchgehenden Soundästhetik, die klar in den 80ern und 90ern verwurzelt ist, bieten die zehn Tracks auf „Reverseries“ immer wieder packende Wendungen und Brüche. Jedes einzelne Detail scheint perfekt platziert und selbst nach mehreren Hördurchgängen will sich einfach nichts finden lassen, woran es dieser LP mangelt. Ein Meisterwerk!

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