REVIEW: JFDR „Brazil“

Es gibt sie noch! Newcomer, die wirklich vielversprechend sind. Wobei man bei Jófríður Ákadóttir eigentlich kaum noch von einer Newcomerin sprechen kann. Ganze acht Jahre ist es schließlich her, dass sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Ásthildur das Lo-Fi-Duo Pascal Pinon gründete. Nachdem dieses unter der Führung des Berliner Labels Morr Music den internationalen Durchbruch geschafft hatte, war es in den letzten Jahren dann allerdings Jófríður allein, die zu DER isländischen Nachwuchshoffnung schlechthin erklärt wurde. Selbst ihre Landsmännin Björk nannte sie in einem Interview mit dem Guardian als wichtige Inspiration, was wohl einem musikalischen Ritterschlag gleichkommen dürfte. Stimmliche und stilistische Vergleiche mit der Mutter des Avant-Garde-Pops hatte es zuvor mehrfach gehagelt – nicht ganz zu Unrecht. Auch Ákadóttirs elektronisches Bandprojekt Samaris konnte sich vor Lob und Anerkennung seitens der Fachpresse kaum retten. In der Folge flatterten Kollaborationsanfragen (Bang Gang, Sin Fang, Low Roar) bei der Isländerin ein wie Tauben in einem Taubenschlag. Unter dem Pseudonym JFDR legt Ákadóttir nun ihr erstes Soloalbum namens „Brazil“ vor und schlägt damit die Brücke zwischen all den akustischen Welten, die sie zuvor in besagten Formationen bereits ausgiebig erkundet hat.

Folk, Electronica, klassisches Songwriting – das sind die Zutaten, die JFDR auf „Brazil“ gekonnt zusammenmischt. Stets geleitet von ihrem sehr speziellen Gesang und einer Hand für feingeistige Texte. Während der Opener „White Sun“ als buntes Synthesizerkonglomorat mit Hang zu exotischen Klangmustern fungiert, verzichtet JFDR im weiteren Verlauf der Platte zunehmend auf schmückende Elemente und opfert sie zu Gunsten einer eher minimalistischen Kargheit. Dadurch bekommt jeder einzelne Ton, jedes Rascheln und Rauschen genau den Raum, den es braucht, um nicht an der gefürchteten Wall of Sound, sprich der Verwässerung eines Songs durch zu viele parallel verwendete Audioeffekte, zu scheitern. Weniger ist mehr und dieses Weniger inszeniert Ákadóttir mit größtem Geschick. Sie wird somit dem Verlangen einer, vielmehr ihrer, Generation gerecht, die sich bei der schier unüberschaubaren Menge an täglich zu verarbeitenden Reizen, nach klaren Linien und Strukturen sehnt. „Brazil“ wirft einen Anker aus, der dem Hörer Sicherheit schenkt. Der ihn den Boden unter den Füßen spüren lässt, anstatt ihn mit Melodien und Beats fort zu schwämmen. Andererseits erschüttert die LP aber auch jedwede ungesunde Statik und lässt zum Beispiel in dem Song „Higher State“ finstere Drones aufziehen, die wie ein unheilvolles Gewitter ihre Schatten vorauswerfen. JFDR ist mit „Brazil“ ein eigentümliches wie künstlerisch hochwertiges Solodebüt gelungen, das keinen Zweifel daran lässt, dass diese Frau noch eine wichtige Rolle in der Zukunft der Indie-Szene spielen dürfte.

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