REVIEW: Lucy Kruger & the Lost Boys „Pale Bloom“

Kathartisch: Mit „Pale Bloom“ wandeln Lucy Kruger & The Lost Boys zwischen Erkenntnis und Unklarheit.

Obwohl die Vereinigung mit Gott auf spiritueller beziehungsweise gläubiger Ebene oft als etwas dargestellt wird, das von Licht durchdrungen ist und im wahrsten Sinne des Wortes erleuchtend wirkt, ist die Kirche als Bindeglied doch allzu oft das genaue Gegenteil. Sei es, dass es sich meist um dunkle gotische Gebäude handelt, in die man zur Zusammenkunft und zum Beten kommt und die eher etwas Höhlenartiges an sich haben als der oft beschriebene gleißende Weg ins Himmelreich. Oder sei es, dass sich vor allem der Katholizismus nach wie vor wenig von seinen mittelalterlichen Sünden befreien konnte und ihm noch immer etwas nahezu Dämonisches und Finsteres anhängt, das vor allem durch Strenge statt Milde und wenig Aufgeschlossenheit gegenüber der Vielfalt des Lebens gekennzeichnet ist. Religion bleibt vielerorts altmodisch und verstaubt. Da verwundert es nicht, dass Lucy Kruger, die selbst christlich erzogen wurde, sich mehrfach die Frage stellt, inwiefern Religion ihr einen Zufluchtsort bietet und die Möglichkeit, die eigene Identität zu entfalten. Dies ist besonders vor dem Hintergrund interessant, dass sie als queere Künstlerin nicht unbedingt in das Bild von Gottes geliebten Kindern fällt – zumindest nach den an vielen Orten dieser Welt propagierten Standards, an denen die Kirche maßgeblich mitwirkt. „Pale Bloom“, das siebte Studioalbum Krugers und ihrer „verlorenen Jungs“, erforscht das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, sich einer Gemeinschaft und ihren Werten anzuschließen, und der gleichzeitig empfundenen inneren Befremdung. Stilistisch hält die Platte elf fragile Stücke parat, die von einer düsteren Eleganz geprägt sind und mit großem Feingefühl ausgearbeitet wurden. Krugers Stimme wirkt dabei wie ein geisterhaft gesponnener Faden, der die dröhnenden, fiebrigen Melodien zusammenhält. Eindrucksvoll! Gänsehaut ist vorprogrammiert. Gleichzeitig spürt man ein tiefes Verlangen, Antworten erhalten und Glauben finden zu wollen. Eine Sehnsucht, die Lucy Kruger seit jeher zu begleiten scheint und die bis heute nur durch ihr kreatives Wirken gestillt werden kann. Diesen Prozess mitzuerleben, macht nicht nur Spaß, die aufgeladene Spannung greift auch schnell über und verwirbelt einen derart, dass eine ganz eigene Dynamik entsteht, die lange nachwirkt und essenzielle Fragen aufwirft. Alben, die dazu in der Lage sind, verdienen es grundsätzlich, einen Platz in den Plattenregalen vieler alter und vielleicht auch neuer „Jünger” zu finden.


Kommentar verfassen

Entdecke mehr von EINEN HAB ICH NOCH

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen