REVIEW: Cat Power „Cat Power Sings Dylan: The 1966 Royal Albert Hall Concert“

Cat Power feiert ihren Helden mit der Wiederbelebung eines seiner bedeutendsten Auftritte: „Cat Power Sings Dylan: The 1966 Royal Albert Hall Concert“.  

Chan Marshall alias Cat Power gehört zu den spannendsten Künstler*innen ihrer Zeit. Die 51-Jährige hat sich seit Mitte der 90er Jahre eine stetig wachsende Fangemeinde erobert und ist aus dem Genre des Alternative Country nicht mehr wegzudenken. Inspiration fand und findet Marshall immer wieder bei einem ihrer absoluten Idole: Bob Dylan – ebenfalls eins, wenn nicht sogar das wichtigste Gesicht in eben jener Musiksparte. Im November 2022 betrat die aus Atlanta stammende Songwriterin schließlich die Bühne der berühmten Londoner Albert Hall mit einer Mission. Nach zahlreichen Coverversionen, die sie unter anderem für die Filmbiografie „I’m Not There“ oder für ihre Studioalben eingespielt oder bei ihren Liveauftritten performt hatte, und einem Stück („Song For Bobby“), das sie einst für ihn geschrieben hatte, wollte sie ihrer Liebe zu Dylan erneut Tribut zollenUnd zwar, indem sie sein Live-Set von 1966 aus der Manchester Free Trade Hall, das aufgrund eines Fehlers der Plattenfirma als „The Royal Albert Hall Concert“ in die Annalen einging, Stück für Stück nachspielte. Ironischerweise dort, wo es selbst nie stattgefunden hatte. Bei besagtem Originalkonzert handelt es sich übrigens um ein extrem schiksalhaftes innerhalb der Karriere von Bob Dylan. Denn der Provokateur stellte damals das Publikum auf die Probe, ob es mit seiner kreativen Entwicklung vom Folk-Wunderkind zum exzentrischen Rockstar Schritt halten würde. Ein großer Teil seiner Fans wandte sich daraufhin von ihm ab. Ein weitaus größerer feierte den US-Amerikaner hingegen für seinen Mut und sein Genie – läutete er doch einen Wendepunkt in seinem Schaffen ein, der zahlreiche Musiker*innen beeinflussen und den Geschmack ganzer Generationen prägen sollte. Bei ihren Neuinterpretation orientiert sich Cat Power detailgetreu an den Blaupausen Dylans. Vor allem, was die Dynamik der Performance betrifft. So präsentiert sie sich im ersten Teil reduziert, akustisch und solo, um dann ab der zweiten Hälfte, beginnend mit dem Titel „Tell Me, Momma“, ihre Band einzuladen, sie zu begleiten und – wie man so schön sagt – ordentlich Staub aufzuwirbeln. Es warihr unbedingter Wille, sich selbst zurückzunehmen und stattdessen diesem wichtigen Moment, diesem Wagnis, das Dylan damals eingegangen war und für das er manchmal als „Judas“, als Verräter an der handgemachten Musik bezeichnet wird, Tribut zu zollen. Die Leidenschaft, mit der sich Cat Power dem Werk ihres verehrten Bob Dylan nähert, erzeugt Gänsehaut. Dazu kommt Marshalls unverwechselbares Timbre, das Zerbrechlichkeit und Kraft in sich vereint. Man spürt, dass ihr Leben – wie das Dylans – von Erschütterungen geprägt ist. Auch, wenn sie es nicht beabsichtigt hat, hat sie sich das Werk Dylans trotzdem für ca. eineinhalb Stunden zu eigen gemacht. Dazu sind ihr Gesang und ihre Ausstrahlung zu charakteristisch. Der Plan, sich hinter dem Werk als solchem zu verstecken, musste scheitern. Wir sind uns sicher: Auch wenn er nie die Worte dafür finden dürfte, wäre selbst good old Bobby stolz auf Cat Power.


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