INTERVIEW: Ane Brun

Gerade erst hat Ane Brun ihre ausgedehnte Jubiläumstournee beendet. Seit über zwei Jahrzehnten ist die sympathische Norwegerin bereits im Geschäft und hat mit ihren Songs die Herzen von Hörer*innen aus den unterschiedlichsten Ecken und Enden dieser Welt gewinnen können. Wir haben Ane zu einem virtuellen Gespräch getroffen und mit ihr auf ihre außergewöhnliche Karriere zurückgeblickt.

Ane, wie fühlt es sich an, 20 Jahre im Geschäft zu sein? 

Es fühlt sich gut an, diese Erfahrung gemacht zu haben. Es fühlt sich an wie eine Reise durch verschiedene Perioden der Musikindustrie. Der Fokus lag nicht immer auf der Musik, sondern darauf, wie man sie veröffentlicht und wie man die Leute erreicht. Von meinen Anfängen im Jahr 2003, als wir noch CDs verkauft haben und es noch viele Magazine gab, quasi eine analoge Welt, bis heute, wo das ganze digitale Streaming dazukommt. Im Moment finde ich die Entwicklungen sehr spannend. Trotzdem bin ich dankbar, dass ich nicht jetzt anfange, denn ich denke, es ist ein sehr schwieriges Umfeld, um eine Karriere zu beginnen. Ich genieße es mehr denn je, schon eine Weile dabei zu sein.  Vielleicht ist es das Alter und auch die Erfahrung, aber ich bin sehr entspannt bei dem, was ich tue.

Du warst eine der ersten Frauen, die ein eigenes Label gegründet haben. Wenn du zurückblickst, was waren die Vorteile damals und heute? Und gibt es auch Nachteile? 

Ja, ich habe auf eigene Faust angefangen, weil ich damals sehr skeptisch war. Ich wusste ja nicht viel darüber. Meine Ambitionen waren damals ziemlich gering. Das einzige, was ich 2003 wollte, war ein richtiges physisches Album, das ich verkaufen konnte. Ich bekam einen Vertriebsdeal und meine Musik verbreitete sich in ganz Europa. Was für eine Überraschung! Die Strukturen, um selbst zu veröffentlichen, waren damals nicht wirklich gut. Heute gibt es viel mehr Tools, die für ein unabhängiges DIY-Label sehr hilfreich sind. Wenn man die finanzielle Situation betrachtet, war es hingegen früher einfacher zu starten, weil man noch CDs verkaufen konnte und so kontinuierlich Geld einnahm. Wenn ich heute nicht die Reichweite hätte, die ich habe, würde mein Streaming nicht viel einbringen und ich wüsste nicht, wo das Geld herkommen sollte. Macht man die Art von Tourneen, die ich jetzt mache, dann ist das teuer und es braucht Rücklagen. Das ist nichts, was mich reich werden lässt. Vielmehr ist es ein Statement und etwas, das ich aufrechterhalten möchte, um mein Publikum zu bewegen.

Mein Vorteil war immer meine Freiheit. Wenn ich bei einem Major-Label unter Vertrag wäre, würde man mich nicht daran hindern, meine Musik zu machen. Es geht mehr um das Timing und die Menge, in der ich eingeschränkt wäre. Ich kann veröffentlichen, wann ich will. Ich brauche keinen Vorlauf. Es geht nur um meine Entscheidungen. Das macht es auch einfacher, zwischen verschiedenen Genres zu springen, weil ich keine Rücksicht nehmen muss. So konnte ich die Künstlerin werden, die ich heute bin. Hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt zu experimentieren, würde meine Musik jetzt komplett anders klingen.

Der Nachteil ist sicher, dass ich alleine weniger Kraft aufbringen kann, als wenn ein ganzes Team hinter mir steht. Manches wäre vielleicht schneller gegangen und hätte mehr bewirkt. Aber das werde ich nie erfahren. Deshalb denke ich, dass die Vorteile größer sind. Denn ich glaube nicht, dass es mir so viel Spaß gemacht hätte, wenn ich nicht alleine hätte lernen können.

Hast du manchmal Angst, durch deine Experimentierfreude, die sich auch in deinem Stil widerspiegelt, Fans zu verprellen? Denn natürlich bist du auch von den Leuten abhängig, die deine Musik hören.

Ja, das ist ein Dilemma. Man muss das ein bisschen ausbalancieren. Ich bekomme öfter Feedback von Leuten, die sagen, sie wollen wieder mehr Folk und Akustisches. Aber diese Platten gibt es immer noch, wenn man zum Beispiel an Veröffentlichungen wie „How Beauty Holds the Hand of Sorrow“ oder „Nærmere“ denkt. Ich werde immer diese Art von Songs machen. Bodenständigere, offenere Lieder. Dieses Jahr habe ich zum Beispiel eine Doppeltour gemacht. Eine große mit Band und eine nur mit mir und einem Keyboarder. Aber es geht nicht nur darum, ein Publikum zu halten, sondern auch darum, ein neues Publikum anzusprechen. Und ich glaube, dass die Musikliebhaber von heute, vor allem die jungen Leute, daran gewöhnt sind, alle Arten von Musik zu hören. Deshalb glaube ich, dass sie offener gegenüber Künstlern sind, die verschiedene Sachen machen.

Im Jahr 2000 habe ich mit meiner Musik einen aufkommenden Trend bedient. Vor allem hier in Europa. Bluegrass, Americana und Singer-Songwriter waren damals groß im Kommen. In Holland und Belgien gab es große Festivals, die dieser Musik gewidmet waren. Ich hatte also viele Möglichkeiten, vor Leuten zu spielen, was fantastisch war. Aber sobald man anfängt, poppiger zu werden, ist man dort nicht mehr willkommen. Es wird immer Leute geben, denen man nicht gerecht wird. Aber ich glaube nicht, dass es so viele sind, denn meine Konzerte sind gut besucht. Zumindest mehr als früher. Mein Publikum wird eher größer als kleiner. Ich muss mich mit meiner Arbeit über Wasser halten, und das funktioniert bis jetzt. Was dabei auch geholfen hat, sind die vielen Cover, die ich gemacht habe.

Das ist etwas, worauf ich künstlerisch sehr stolz bin. Sie generieren viele Streams und helfen, mich zu finden und kennenzulernen. Wie gesagt, es geht ums Gleichgewicht. Auch persönlich.

Wie du schon gesagt hast, gibt es in deinem Backkatalog viele Coverversionen. Was reizt dich daran, Songs anderer Künstler neu aufzunehmen?

Es hat etwas sehr Kreatives. Ich würde nie eine Coverversion aufnehmen, die wie eine Kopie des Originals klingt. Aber etwas Neues daraus zu machen, das liebe ich wirklich. Wir alle hören etwas anderes in einem Song. Fühlen unterschiedliche Dinge. Es ist, als ob die Erfahrung eines Songs für jeden von uns anders ist. Und das, was ich persönlich herausfiltere, packe ich dann in meine Version. Das ist eine Herausforderung, die ich sehr liebe. Wie kann ich eine Geschichte auf meine Weise erzählen? Für mich ist Covern eine eigenständige Form des Musikmachens.

Hast du jemals Feedback von den Originalkünstlern deiner Coverversionen bekommen?

Ich glaube schon. Ja, natürlich habe ich das! Ich frage mich nur, ob es etwas Besonderes gibt, von dem ich dir erzählen könnte. Die Sache ist die, dass viele meiner Cover für Filme und Werbespots verwendet wurden. Wenn das passiert, müssen sie die Songwriter wegen der Rechte kontaktieren. Vielleicht hat sogar Beyoncé meine Version von „Halo“ gehört. Zumindest hat ihr Management am Ende der Nutzung zugestimmt. Und Alphaville haben einmal einen Post über „Big In Japan“ geteilt.

Kommen wir noch einmal auf das Reisen zurück. Du bist viel gereist und hast die Welt gesehen. Wenn du so viel mit Menschen aus verschiedenen Ländern zu tun hast, wie siehst du dann unseren Planeten?

Es gibt so viel Wärme. Die Menschen sind warmherzig. Egal wohin man geht. 99 Prozent von uns sind freundlich. Kunst ist wichtig. Musik ist wichtig. Sie gibt uns Stabilität und die Möglichkeit, uns miteinander zu verbinden. Natürlich gibt es Länder, in denen es Unterdrückung, Konflikte und politische Dinge gibt, mit denen man vielleicht nicht einverstanden ist. Was macht man damit? Tritt man dort auf? Ich denke, das ist eine schwierige Frage. Was soll man boykottieren und was nicht? Ich versuche, jedes Mal über den konkreten Ort nachzudenken und darüber, was man tun kann, um Stellung zu beziehen.

Gibt es einen Lieblingsauftritt, an den du dich gerne erinnerst? 

Ich hatte viele tolle Abende! Manchmal sind die Auftritte, von denen man es nicht erwartet, die besten. Da war zum Beispiel diese Show in einem kleinen Kellerclub in Glasgow. Die Band passte kaum auf die Bühne. Außerdem war es ein Montagabend. Immer ungünstig für Konzerte. Trotzdem war es das lustigste Konzert seit Jahren. Meine Auftritte mit Peter Gabriel auf Tour waren auch toll. Extravagant! Erst habe ich die Shows als Vorgruppe eröffnet, allein mit meiner Gitarre, dann habe ich mit ihm Duette gesungen. Wir spielten in der Hollywood Bowl oder in der Arena di Verona. Riesige Orte, schöne Orte. Es war etwas ganz Besonderes, sehr inspirierend. Und sein Publikum ist unglaublich. Viele dieser Shows sind mir in Erinnerung geblieben. Aber auch ein Auftritt in Oslo hat mich bewegt. Damals hatte ich das Album „Leave Me Breathless“ aufgenommen und beschlossen, damit nicht auf Tour zu gehen, sondern nur dieses eine Konzert zu spielen. Am Ende weißt du nie, was dich erwartet. Du kannst auf einer Hochzeit spielen und plötzlich ist es das Schönste, was du je gemacht hast.

Du hast lange in Schweden gelebt. 

Mittlerweile bin ich zurück in Norwegen. 2020 war ich dorthin gereist, um meinen Partner zu besuchen, der dort lebt. Zwei Tage später haben die Grenzen dicht gemacht. Ich saß also eine ganze Weile in Norwegen fest. Und dann, als alles wieder offen war, wollte ich nicht mehr pendeln, weswegen ich nach Oslo zurückzog. Aufregend, denn wenn ich ihn nicht getroffen hätte, hätte ich es wahrscheinlich nicht getan. Immerhin fühlte ich mich in Stockholm zu Hause. Ich lebe schon so lange dort und habe mittlerweile beide Pässe. Ein Viertel des Jahres arbeite ich immer noch in Schweden und habe mein Label und meine Musiker dort. 

Vielen Dank für deine Offenheit und das nette Gespräch!

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