REVIEW: Angus & Julia Stone „Cape Forestier“

Schlicht und ergreifend: Angus & Julia Stone verzichteten für „Cape Forestier“ auf groß angelegte Kompositionen zugunsten einer puristischen, emotionalen Fragilität.

Je älter wir werden, desto stärker und häufiger blicken wir zurück. Ein Phänomen, das uns etwas über den Umgang der Menschen mit ihrer zunehmend schwindenden Zukunft lehrt. Statt sich mit dem unausweichlichen Ende auseinanderzusetzen, reflektieren wir lieber Vergangenes und überlegen, welche Ereignisse zu wichtigen Erkenntnissen geführt, uns geprägt und verschiedene Entwicklungsprozesse in Gang gesetzt haben. Gleichzeitig werden wir auch mit verpassten Chancen konfrontiert oder mit Wunden, die schon beim ersten Mal weh taten und dies auch nach wie vor tun können, wenn sie aufgerissen werden. Wir lachen, weinen, staunen, ärgern oder versöhnen uns mit dem Geschehenen. Unsere Vergangenheit ist ein wichtiger Teil unserer Reise auf dieser Erde. Das gilt auch für kreative Aspekte. Wer wären Angus & Julia Stone heute, wenn sie nicht schon als Kinder zusammen musiziert und schließlich eine gemeinsame Karriere gestartet hätten? 2007 erschien „A Book Like This“, das gefeierte Debüt der Geschwister. 17 Jahre später machen sie das, was viele Künstler*innen bereits vor ihnen getan haben. Sie setzen sich musikalisch noch einmal mit ihren Anfängen auseinander und verarbeiten diesen Prozess in einer Platte. So knüpft „Cape Forestier“, ihr fünftes Studioalbum, laut Aussage der Stones an ihren Wurzeln als Angus & Julia Stone an. Begeistert und feinfühlig besinnen sich die gebürtigen Australier*innen ihrer akustischen Herkunft und verzichten auf komplexe Produktionen. Stattdessen gibt es handgemachte Tracks: Beschwingt, countrylastig und simpel. Melodie und Text stehen im Vordergrund. Auf Effekthascherei wird bewusst verzichtet. Julia und Angus zeigen, dass sie als Songwriter*innen zu brillieren vermögen und dies den Kern ihrer Identität als Duo darstellt – selbst wenn sie Bob Dylan covern („I Want You“). Tatsächlich blitzt hier und da immer wieder jene spröde Einfachheit auf, die die beiden zu Beginn des Jahrhunderts zu wahren Exportschlagern rund um den Globus gemacht hat. „Cape Forestier“ wirkt authentisch und bodenständig. Fast ein wenig naiv – eine Eigenschaft, die mit zunehmender Professionalität gerne verloren geht, aber oft den Charme einer Band oder eines Acts ausmacht. Es bereitet Spaß zu hören, wie es den Stones im Zuge der LP gelingt, Stück um Stück das tiefe Bewusstsein freizulegen, dass es letztlich nur Gitarre, Banjo oder Klavier und ihre beiden Stimmen braucht, um Songs zu produzieren, die mit der Umwelt zu resonieren vermögen. Da darf der Herzschmerz an manchen Stellen auch etwas dicker aufgetragen werden.


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