Nelly Furtado demonstriert mit „7“, wie man aus einer vermeintlichen Schwäche eine Stärke macht und ganz nebenbei ein mitreißendes Pop-Album produziert.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS – ist eine der am heftigsten diskutierten psychischen Erkrankungen überhaupt. Manche behaupten sogar, es gäbe sie gar nicht. Dabei häufen sich die empirischen Belege, dass das Gehirn mancher Menschen etwas anders tickt als der Durchschnitt. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass Menschen mit ADHS ein höheres Maß an Stimulation brauchen, um richtig in Schwung zu kommen. Gleichzeitig fällt es den Betroffenen oft schwer, Reize aus der Umwelt und dem inneren Erleben zu filtern oder Handlungsimpulse zurückzuhalten. Das kann in vielen Lebensbereichen zu Beeinträchtigungen führen, nicht aber, wenn es darum geht, kreativ zu sein. Nelly Furtado hat ADHS. Aber sie leidet nicht darunter. Sie versteht es, die Nachteile ihrer Neurodiversität in Vorteile zu verwandeln und sie beim Schreiben von Musik für sich zu nutzen. In vier Jahren hat die gebürtige Kanadierin über 400 Songskizzen angefertigt, die sie dann nach schnellen, wenig gefilterten Eingebungen sortierte und 14 davon zu dem weiterentwickelte, was nun auf ihrem siebten Studioalbum „7“ zu hören ist. Die Platte vereint Anleihen aus Furtados gesamter Diskographie. Von den experimentellen Anfängen des Debüts „Whoa, Nelly!“ (2000) über die spirituell anmutende Schönheit von „Folklore“ (2003), spanische Einflüsse von „Mi Plan“ (2009) und den alternativen Touch von „The Ride“ (2017) bis hin zu dem, wofür sie am stärksten bekannt ist: Nämlich ihre extrem mitreißende Version moderner Popmusik, die „The Spirit Indestructable“ (2012) vor allem „Loose“ (2006) zu einem der erfolgreichsten Alben der Musikgeschichte machte. „7“ verspricht Ähnliches. Wie seit Jahren nicht mehr besticht Nelly Furtado durch ihre Präsenz. Sie versteckt sich nicht hinter gut produzierten Stücken, sondern verschmilzt mit ihnen. Angetrieben von der unverkennbaren Stimme der Mittvierzigerin zieht die LP sofort alle Aufmerksamkeit auf sich und beweist damit, dass man sich auch mit ADHS durchaus konzentrieren und fokussieren kann, wenn eine gewisse Reizschwelle überschritten und der Geist erst einmal richtig auf Touren ist. Dann nämlich zeigt sich das volle Potenzial, die Messlatte noch höher zu legen, als es ohne diese neuronale Besonderheit der Fall wäre. „7“ beweist, dass Furtado auch nach fast 30 Jahren im Geschäft immer noch zur Elite gehört. Nicht umsonst zählt sie zu den meist gehörten Solo-Künstler*innen der Welt. Wir gehen fest davon aus, dass „7“ die Billionen von Streams weiter in Richtung Unendlichkeit treiben wird!


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