Hayden Thorpe meldet sich zurück mit einem Konzeptalbum voller Prosa und Lyrik, das nicht nur auf dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Robert Macfarlane basiert, sondern auch buchstäblich mit diesem verschmilzt: „Ness“.
Orford Ness ist eine Halbinsel an der Ostküste Englands. Während der beiden Weltkriege und des Kalten Krieges diente sie dem britischen Verteidigungsministerium als wichtiger Stützpunkt für geheime Waffentests. Und zwar mit nuklearem Material. Heute ist Orford Ness ein Naturreservat. In seinem Buch „Ness“ beschreibt der Autor Robert Macfarlane auf poetische Weise, wie sich das Meer, die Erde, das Gras, die Bäume und der Himmel langsam ihr Territorium zurückerobern und versuchen, die Narben zu heilen, die der Mensch in seiner Wut und seinem Zorn hinterlassen hat. Doch die Seele des Grund und Bodens bleibt verseucht. Verseucht von seiner dunklen Geschichte. Hayden Thorpe, ehemaliger Leadsänger der Wild Beasts, war sofort fasziniert von diesem Fleckchen Land und den Gedanken Mafarlanes darüber. Das Thema packte ihn und ließ in nicht mehr los. So war es nur ein logischer Schritt, sich mit seinem Landsmann und dem Illustrator Stanley Donwood, der die literarische Vorlage bebildert hatte, in Verbindung zu setzen und eine Zusammenarbeit anzustreben. Dieser verdanken wir nun auch die musikalische Vision von „Ness“. Und die kann sich hören lassen! Thorpe, der an sich schon als begnadeter Songwriter und dank seiner markanten Falsettstimme auch als extravaganter Sänger bekannt ist, hat sich bei der Realisierung von „Ness“ zu einem wahren Genie gemausert. In den 13 Titeln wird nicht nur Thorpes Begeisterung für die Arbeit von Macfarlane und Donwood spürbar, die verspielten, vielschichtigen und avantgardistisch ausgefeilten Arrangements lassen auch Bilder im Kopf entstehen, wie Ordford Ness aussehen könnte, wie es dort riecht und wie es sich anfühlen muss, an der Küste entlang zu wandern. Thorpes Klänge, Rhythmen und Gesang wirken lebendig. Sie dienen als Analogie dafür, wie es der Natur gelingt, die Schandtaten der Menschen beiseite zu fegen. Denn es ist klar, dass sie mächtiger ist als wir. Dass sie länger bestehen wird als unsere Lebensform. Diese tiefe Gewissheit schimmert durch jeden einzelnen Song der Platte hindurch – egal wie düster die Worte auch sein mögen, die mal von verschiedenen Sprechern vorgetragen, mal von Hayden Thorpe prophetisch ins Mikrofon gehaucht werden. Es ist wie mit der Büchse der Pandora. Sobald alles Böse entwichen ist, bleibt Hoffnung zurück. Diese aber derart greifbar zu machen, wie es dem Londoner mit „Ness“ gelingt, das verschlägt einem wirklich den Atem. Unglaublich gut! Ein vielschichtiges Kunstwerk, das im Gegensatz zu den Ereignissen in Osford Ness zeigt, wie viel positive Gestaltungskraft in den Händen von Menschen liegen kann, wenn ihre Absichten gut sind.


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