Ein Bruch mit der Vergangenheit, der die Zukunft ermöglicht: Beirut lotet auf „A Study of Losses“ die Grenzen der eigenen Stilistik aus und überschreitet sie hier und da.
Es wirkt wie ein Akt purer Verzweiflung, etwas festhalten zu wollen, das bereits im Verschwinden begriffen ist. Der Versuch, dem Vergessen etwas entgegenzusetzen, kann nur mit größter Anstrengung und – wenn überhaupt – nur für kurze Zeit unternommen werden. „A Study of Losses“ von Beirut erzählt die Geschichte eines Mannes, der trotz aller Gegenargumente genau das versucht. Der darum bemüht ist, die Verluste der Menschheit zu archivieren und damit die Vergänglichkeit aus ihrer Verankerung zu heben. Sich über das eigene Werk verewigen zu wollen, ist für viele Musiker*innen ein Leitmotiv in ihrer Kunst. Genauso wie die Idee, mit Hilfe von Instrumenten und Worten das auszudrücken, was emotional in ihnen vorgeht. Zach Condon, der Mann hinter dem Projekt Beirut, hat in den letzten 20 Jahren nicht weniger als sieben Alben veröffentlicht, um sein eigenes Erbe zu manifestieren, und komplettiert diese Reihe nun mit dem Auftragswerk „A Study of Losses“, das dem Zirkus Kompani Giraff als akustische Untermalung für eine gleichnamige akrobatische Bühnenshow dient. Tatsächlich kann man sich zu den 18 Tracks gut vorstellen, wie Menschen durch die Luft springen, tanzen oder anmutig über Seile balancieren. Im Gegensatz zu seinem letzten Album „Hadsel“ (2023), das eher melancholisch und reduziert war, basiert „A Study of Losses“ nämlich auf vitalen, dem Pop zugewandten Melodien und stellt einen stilistischen Richtungswechsel beziehungsweise eine Form der Rückbesinnung auf frühere Veröffentlichungen dar. Damit spiegelt das Album einen Prozess wider, der sich auch bei seinem Schöpfer vollzogen hat. Denn nachdem sich Caldon aufgrund körperlicher und psychischer Probleme immer mehr in die Einsamkeit verkrochen hatte und seine weitere Karriere als Livemusiker eher pessimistisch betrachtete, gelang es ihm während der Arbeit an der LP, in den Tiefen seiner Seele wieder Zuversicht zu finden. Diese Zuversicht ist es auch, die „A Study of Losses“ erhellt. Wie ein Sonnenstrahl, der durch einen Spalt zwischen den Vorhängen in ein dunkles Zimmer fällt und den Staub in seinem Licht tanzen lässt. Für Mai sind bereits Shows in verschiedenen Städten geplant, um die neuen Stücke dem Publikum vorzustellen. Damit setzt Caldon ein wichtiges Statement gegen die Sorgen seiner Fans, die ihn zuletzt nur in Berlin live erleben konnten, da er nicht weiter reisen wollte. Überhaupt scheint „A Study of Losses“ neue Kapitel aufzuschlagen. Ein besonderes Highlight – und stilistisch tatsächlich ein Fabelwesen in Beiruts bisheriger Diskographie – bildet ein Track in der Mitte des Albums: „Guericke’s Unicorn“. Zwischen all den eher folkig-verträumten Stücken wirkt der elektrifizierte Song wie eine Skurrilität und macht gleichzeitig Lust darauf, zu entdecken, was noch alles im kreativen Kopf des gebürtigen Amerikaners stecken mag. Oder ob er diesen zarten Impulsen weiter folgen wird, denn auch in anderen Stücken (z.B. „Disappearances and Losses“, „Mani’s 7 Books“, „Ghost Train“ oder „Mare Nectaris“) spielt Beirut, wenn auch nicht so offensichtlich und wild wie in „Guericke’s Unicorn“, mit Synthesizern und experimentellen Elementen. Hören wir also gespannt auf das, was noch kommen mag, und lassen wir uns in der Zwischenzeit von der Leichtigkeit des thematisch eher schweren „A Study of Losses“ mitreißen.


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