REVIEW: Neko Case „Neon Grey Midnight Green“

Allen, die noch mehr Beweise dafür brauchen, dass Neko Case zu den größten Stimmen und Songwriter*innen ihrer Generation gehört, sei „Neon Grey Midnight Green“ aus vollster Überzeugung empfohlen! Und allen anderen sowieso!

Genderfluid zu sein, bedeutet, dass man sich nicht endgültig einem Geschlecht zuordnen möchte, sondern sich je nach Stimmung oder Perspektive mal der einen, mal der anderen und dann wieder einer dritten, vierten oder auch gar keiner Kategorie zuordnet. Dazu braucht es allerdings eine gewisse Sicherheit, dass der Charakter nicht durch Wörter wie „er“ oder „sie“ oder Neopronomen à la xier definiert wird – ungeachtet dessen, was wahnsinnige Autokraten auch anderes behaupten wollen. Letztendlich ist das Geschlecht ein menschliches Konstrukt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Neko Case bezeichnet sich selbst als genderfluid, was gut zu ihrem ohnehin schon sehr spirituellen Geist passt. Die US-Amerikaner*in hat es sich immer wieder zur Aufgabe gemacht, die Leute zu lehren, dass die meisten Grenzen nur im Kopf bestehen und mit der Macht der Gedanken überwunden werden können. Im Laufe ihrer über 30 Jahre andauernden Karriere hat Case sich derweil durch sämtliche gesellschaftsrelevante Themen gearbeitet. Sie wurde immer wieder als Revoluzzerin und Feministin eingeordnet und erhielt mehrfach den Titel der „Herrin des Alternative Country“, wenngleich sie das „Alternative“ selbst gern streicht. Denn Natur- und Mythenverbundenheit haben die Musik und das Songwriting von Neko Case schon immer ausgezeichnet und somit auch für ein Traditionslabel wie Country prädestiniert. Nach dem zuletzt erschienenen, fast schon wütenden Studioalbum „Hell On“ (2018) schlägt die Mittfünfzigerin auf dem Nachfolger „Neon Grey Midnight Green“ deutlich sentimentalere, leisere Töne an. Die LP ist ein emotionaler Nachruf auf viele Kolleg*innen, die in den letzten Jahren aus dem Leben geschieden sind und eine Lücke in Cases Umfeld sowie in der Independent-Szene der USA hinterlassen haben. Wie sehr jeder einzelne Verlust Neko Case geschmerzt hat, zeigen sowohl die Lyrics als auch die Melodien auf „Neon Grey, Midnight Green“. Selten hat eines ihrer Alben bewusster auf das Herz der Hörer*innen gezielt, um es zum Bluten zu bringen. Immer wieder gibt es Momente, in denen die Instrumentierungen verstummen und nur Cases charakteristische Stimme zurückbleibt. Zurück in einem Raum voller Widerhall. Das allein sorgt schon für kalte Schauer und Gänsehautwellen. Wenn dann aber noch die wie immer dynamischen Klangteppiche ausgerollt werden, die viele spannende Elemente und Spielereien enthalten (was besonders bei Experimentalstücken wie „Tomboy Gold“ zu vernehmen ist), steht die Welt gern mal für einen Moment still. Oder sie gerät kurz aus den Fugen, sodass man sie neu zentrieren muss. Die Auswüchse von Cases Talent zu bestaunen, hat etwas Archaisches, etwas Magisches. Wieder einmal ist es ihr gelungen, eine Platte zu produzieren, die Brücken zu ihrer bisherigen Diskografie schlägt, aber auch neue Facetten ihres Stils beleuchtet und eine Weiterentwicklung ihrer Künstler*innenidentität darstellt. Bei den Aufnahmen war es Neko Case besonders wichtig, dass das Menschlich-Unperfekte in die finalen Takes einfließen durfte. Deshalb wurden viele Tracks live in kompletter Bandbesetzung eingespielt und kleine Details wie Geräusche verschiedener Gegenstände oder der Atmung etc. nicht nachträglich entfernt. Allzu oft werden Alben nämlich derart „tot produziert“, dass sie am Ende völlig entrückt wirken. Bei „Neon Grey Midnight Green“ hat man hingegen das Gefühl, mit Case und ihren Musiker*innen in einem Raum zu sitzen und hautnah dabei zu sein, wenn sie die zwölf Tracks performen. Ein Ansatz, der sich in immer virtuelleren Zeiten auszahlt und eine echte Besonderheit darstellt.


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