REVIEW: John Maus „Lather Than You Think“

Heilig, profan oder teuflisch? Nach viel – möglicherweise auch berechtigter – Kritik kehrt John Maus mit „Later Than You Think“ zurück in die Öffentlichkeit. Ein intelligentes Werk, das jedoch nicht nur Begeisterungsstürme auslösen dürfte.

Er ist und bleibt eine kontroverse Figur: John Maus, der aus Austin, Minnesota, stammt, wird gern zu jenen gezählt, bei denen Genie und Wahnsinn nah beieinander zu liegen scheinen. Fest steht, dass der studierte Politikwissenschaftler nicht auf den Kopf gefallen ist und immer wieder durch seine ungewöhnlichen kreativen Ansätze begeistert. Nachdem es zu Spekulationen gekommen war, ob John Maus gemeinsam mit seinem Kollegen Ariel Pink am Sturm auf das US-Kapitol im Januar 2021 beteiligt gewesen sei – ein Vorwurf, der rechtlich nie bestätigt wurde und den Maus selbst mehrfach zurückwies –, wurde er dennoch von der Independent-Szene verurteilt, abgestraft und von zahlreichen Festivals ausgeladen. In der Folge versank der 45-Jährige für eine Weile, distanzierte sich aber vorher von einer Nähe zum Trumpismus. Gleichzeitig sah er ein, dass einige seiner gemachten Aussagen durchaus missinterpretiert werden könnten. In einer Gesellschaft, die wenig Toleranz gegenüber potenziell extremen Meinungen oder solchen, die Deutungsfreiraum zulassen, zeigt, ist jemand wie John Maus schnell ein Unverstandener. Provokationen verschlimmern die Situation dabei nur. Wenn dann auch noch Maus’ Bekenntnis zum Katholizismus hinzukommt, fällt das Urteil schnell ungnädig aus. Trotzdem hat er sich entschieden, auf seinem neuen Album „Later Than You Think“ den Katholizismus in den Mittelpunkt zu stellen. Neben den für ihn typischen Synth-Pop-, Post-Punk- und Lo-Fi-Einflüssen, die er wie kein anderer zu hypnotischen Melodiefäden verknüpft, enthält die Platte Mönchgesänge, lateinische Lyrics und dreht sich um verschiedene christliche Motive. John Maus sinniert über Gerechtigkeit, Wiedergeburt, Transformation sowie spirituelle Kämpfe und erschafft dabei auf klanglicher Ebene eine Art schwarzes Loch, das alles um sich herum zu verschlucken droht. Doch statt gegen den Sog anzukämpfen, gibt man sich ihm hin und kann dabei eine nahezu transzendente Erfahrung machen – teils begleitet von irritierend lauten Störgeräuschen, wie im vorletzten Song „Losing Your Mind“, der dann in den finalen Choral „Adorabo“ mündet. Ungeachtet dessen, was man von seiner Gesinnung und Philosophie halten mag, hat John Maus es wieder einmal vollbracht, ein wirklich starkes Statement zu setzen, das man nicht mehr ignorieren kann, sobald man auf „Play“ klickt. „Later Than You Think“ schwingt sich zu prophetisch-mahnender Größe auf. Ob diese von guter oder böser Natur ist, muss dabei jeder für sich selbst herausfinden.


Ein Kommentar

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  1. Avatar von Robert Hahne

    Sehe ich genauso: „Music first“!

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