„Non Fiction: Piano Concerto in Four Movements“ von Hania Rani ist gelebte Reflexion, in der jede Note, jeder Klavierschlag als eindrückliches Mahnmal fungiert.
Als mehrfach preisgekrönte Künstlerin und absoluter Star am Contemporary-Himmel hat Hania Rani – zusammen mit Kolleg*innen – die Klassik auch für jüngere Generationen wieder zugänglicher gemacht, indem sie diese gegenüber der Fusion mit Genres wie Electronica und Ambient öffnete. Das allein würde bereits Applaus verdienen! Erstaunlich ist darüber hinaus aber auch der unerschöpfliche Schaffensgeist der gebürtigen Polin. Kaum ein Jahr vergeht, in dem sie nicht mit einem neuen Projekt um die Ecke kommt. Nach ihrem zuletzt erschienenen Livealbum „Nostalgia“, das einmal mehr ihr Geschick für das Verbinden von organischen und artifiziellen Sounds unter Beweis stellte, erscheint mit „Non Fiction“ nun ein aus vier Zyklen bestehendes symphonisches Werk, das gänzlich auf den Einsatz künstlicher Klangspuren verzichtet und stattdessen die Opulenz und Feinheit eines 45-köpfigen Orchesters nutzt, um Eindruck zu hinterlassen. Bewegt von der Geschichte der jüdischen Pianistin Josima Feldschuh, die mit ihrer Familie dem Warschauer Ghetto und einer geplanten Deportation entkommen konnte, jedoch im Alter von nur 13 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung starb, entwickelte Rani ihr bisher vielleicht gefühlsbetontestes Werk. Feldschuh wurde sowohl für ihr Talent bewundert, Stücke von Mozart und anderen Komponisten zu vertonen, als auch dafür, dass sie eigene Melodien schrieb – was wiederum Rani dazu veranlasste, ihr zu gedenken. „Non Fiction“ macht Geschichte – mit all ihren dunklen Facetten – begreiflich und sucht gleichzeitig im Chaos und der Grausamkeit nach Hoffnung. Ähnlich wie Feldschuh, die im Klavierspielen eine Perspektive für sich fand, während die Welt um sie herum zusammenstürzte. Die acht Titel auf „Non Fiction“, die zusammenhängend dargeboten werden und ineinandergreifen, durchschreiten anmutig einen spannungsgeladenen Wandel. Mal sind sie zart und zerbrechlich, mal dynamisch und bedrohlich. Damit macht Hania Rani klar, dass es in einer Zeit, in der Fakten zu Mythen erklärt und Verbrechen relativiert werden, nichts Wichtigeres gibt, als sich kontinuierlich zu erinnern, Geschehenes weiterzutragen und daraus zu lernen. Wir stehen als Gesellschafft erneut an einem Wendepunkt, an dem wir uns entscheiden müssen, ob wir zusammenhalten oder einander misstrauen wollen. Hania Ranis „Non Fiction: Piano Concerto in Four Movements“ bringt jedenfalls alles mit, was es braucht, um den Nachhall der Vergangenheit als verbindendes Element für mehr Menschlichkeit zu verstehen – und entsprechend zu handeln. Ergreifend!


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