Bis an die Grenzen des Vorstellbaren: Mit „Dreamer+“ erforscht Sassy 009, was hinter dem Horizont des kommerziellen Pops liegt.
Ursprünglich als Trio gestartet, ist Sassy 009 heute das alleinige Projekt der Produzentin, Songwriterin und Sängerin Sunniva Lindgård. Mit „Dreamer+“, ihrem ersten „echten“ Debüt als Solokünstlerin, begibt sie sich auf die Suche nach ihrer ganz persönlichen kreativen Identität. Diese scheint in der Fähigkeit verwurzelt zu sein, genau das zu tun, was der Albumtitel andeutet: sich in fantastische, aber ebenso düster-gefährliche Parallelwelten zu träumen. Furchtlos stellt sich Lindgård dem, was dort auf sie wartet. Vor allem vielschichtigen Gedankenwirrungen, die im Moment, in dem sie zum Greifen nah scheinen, bereits ihre Form verändern und mutieren. Genauso wie die Lyrics sind auch die Melodien und Beats auf „Dreamer+“ speziell. Sie nähren sich aus Electro, Techno und Deep House ebenso wie aus Trip-Hop, Grunge, Shoegaze oder Hyperpop. Sassy 009 wehrt sich dagegen, sich einem einzigen Genre zu verschreiben, und öffnet stattdessen Geist und Intuition für ein deutlich breiteres Spektrum an Einflüssen. Das wiederum ist es, was die Songs auf „Dreamer+“ interessant macht. Als Zuhörer*in weiß man nie, was einen zwei, drei Takte später erwartet – außer, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit aufregend bleiben wird. Dass es immer wieder zu knistern beginnen wird und sich Tempi und Dynamiken – ja sogar Aufnahmequalitäten – von einem Schlag auf den nächsten ändern können. Eins der einprägsamsten Beispiele dafür ist der Track „Sleepwaker’s Pendulum“, der mehrere stilistische und rhythmische Metamorphosen durchläuft. An dem Song hat BEA1991 als Gästin mitgewirkt. Sie bleibt aber nicht die einzige Feature-Künstler*in auf „Dreamer+“. Auch Tausendsassa Dev Hynes aka Blood Orange und die Irin yunè pinku bereichern die Platte mit Inputs und kreativen Ideen. „Dreamer+“ ist neben Werken von Kolleg*innen wie jüngst Oklou, Yves Tumor, Sega Bodega oder auch FKA twigs ein Beleg dafür, dass die Geschichte des Pops noch lange nicht auserzählt ist, sondern sich immer wieder originelle Kapitel aufschlagen lassen, die in neue Richtungen deuten. Sassy 009 gehört definitiv zu den experimentierfreudigeren Vertreter*innen der jüngeren musikalischen Generation. Das macht „Dreamer+” zu einer ebenso eindrücklichen wie anspruchsvollen LP. Keine leichte, dafür aber eine wohltuende Kost – sofern man kein sprichwörtlicher „Bauer” ist, der im übertragenen Sinne nichts isst, was er nicht kennt.


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