Hundreds als begeisterte Geschichtenerzähler*innen: „Sirens“ nutzt das kulturelle Erbe des Abendlandes, um daraus Träume und Denkperspektiven abzuleiten.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren arbeiteten die Geschwister Eva und Philipp Milner sowie Schlagzeuger Florian Wienczyk, auch bekannt als Hundreds, mal kontinuierlicher, mal mit großen Unterbrechungen an dem, was jetzt „Sirens“ ist: eine Sammlung aus zwölf Titeln, die durch einen dicken roten Faden miteinander verbunden sind. Dieser Faden ist der Hang zum Mystisch-Märchenhaften. Von Fabelwesen bis zu mehr oder weniger belegten antiken Geschichten arbeitet sich das Trio durch den kollektiven Schatz der Menschheit. Denn genau das sind die Sagen und Erzählungen der Vergangenheit. Es sind aufgeschriebene archaische Bilder, die über verschiedene Kulturen hinweg in verschiedenen Ausschmückungen immer wieder auftauchen und von den Moralvorstellungen und Wertvorstellungen früherer Gesellschaften, aber auch von deren Ideen vom Funktionieren der Welt künden. Dass viele dieser Themen bis heute kaum an Aktualität verloren haben, zeugt einmal mehr von ihrer tiefgehenden Relevanz. Ob die Erzählungen der Brüder Grimm oder Homers Odyssee – die Hundreds stürzen sich mit Sirens vollends in die Magie und den Sog des Rätselhaften und nutzen sie, um mit Metaphern Bezug zur aktuellen globalen Lage zu nehmen. Denn die LP ist keineswegs eine Verleugnung von Gegenwart oder Zukunft. Vielmehr versucht sie, aus dem Erfahrungsschatz des Gestern Weisheit abzuleiten. Begleitet wird dieser Prozess von mal durchdachteren und ausgefeilteren, mal impulsiveren und verspielteren Texten und Melodien, die allesamt das große Talent des Trios zeigen, Popmusik zu machen, die losgelöst von Zeit und Ort ist. Eine Musik, die ihre eigene Spiritualität in sich trägt und ebenso bodenständig wie transzendent wirkt. Dabei bleiben sich Hundreds stilistisch treu und bewegen sich erneut durch ein Spektrum, das von elektrifizierten Clubsounds bis zu sinfonieartiger Grandezza reicht. Ein wirklicher Hochgenuss und eine Platte, die zwar das oft verschriene Label „Made in Germany“ trägt, sich den damit verbundenen gängigen Klischees jedoch verweigert und stattdessen einen internationalen Anspruch verfolgt und erfüllt. Es ist ihr bestes Album seit dem grandiosen Zweitwerk „Aftermath“ (2014)!


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