REVIEW: Anna Calvi „Is This All There Is?“ (EP)

Was für ein Erlebnis, was für eine Offenbarung: Für die EP „Is This All There Is?“ konnte Anna Calvi nicht nur hochkarätige Gäste gewinnen, sie hat auch die Messlatte für alles Nachfolgende extrem hoch gesetzt.

Schon die Gästeliste macht klar: Anna Calvi gehört zu den Künstlerinnen, die höchstes Ansehen bei ihren Kolleginnen genießen. Iggy Pop, Perfume Genius, Laurie Anderson und Matt Berninger sind die Feature-Acts auf dem neuesten Geniestreich der Londonerin, den ihr Label Domino Records als präzise kuratiertes Stück Popgegenwart betitelt. Worum geht es? Anna Calvi hat zusammen mit vier Schwergewichten der Alternative-Branche zwei Coverversionen und zwei Originalsongs eingespielt. Beginnend mit einem sprichwörtlichen Schlag auf die 12 liefern sich Calvi und Iggy Pop im Opener „God’s Lonely Man“ ein Duell zweier Giganten, die beide durch ihre Reibeisenstimmen bestechen. Vor einem von grellen E-Gitarren-Riffs beherrschten Klanghintergrund zeigen sie, wie viel Kraft in ihnen steckt. Kein Geschlecht ist dem anderen überlegen – oder muss dies andeuten. Wir erleben zwei Stars, zwei Vollblutmusiker*innen, auf Augenhöhe, deren Talente sich gepaart bis ins Unermessliche steigern. Der Nachfolger „I See a Darkness“ kommt deutlich intimer und zurückgenommener daher. Während das Original von Bonnie „Prince“ Billy folkig und beschwingt klingt, ist diese Version ein atmosphärischer Gänsehaut-Garant in Pop-Noir-Ästhetik. Perfume Genius, der bereits mit Acts wie den Yeah Yeah Yeahs, Aldous Harding oder Christine and the Queens kollaboriert hat, steuert einmal mehr seinen fragilen Gesang bei und verleiht der EP damit eine besondere Facette. Das Gleiche gilt für den Auftritt der Spoken-Word-Legende Laurie Anderson, die zusammen mit Anna Calvi den Kraftwerk-Klassiker „Computer Love“, dessen markante Melodie bereits Coldplay für ihre Erfolgssingle „Talk“ verwendeten, einmal komplett dekonstruiert und zu einem sphärischen Stück wieder zusammensetzt. Dieses mündet in einem weitschweifenden, transzendenten Finale, das sich – begleitet von operettenhaften, engelartigen Chorgesängen – zu den höchsten Höhen des Popolymps aufmacht. Für ein wenig mehr Bodenhaftung sorgt dann hingegen der titelgebende Schlusstrack „Is There All There Is?“. Geerdet durch die Mitwirkung von Matt Berninger von The National setzt Anna Calvi zu einem letzten kreativen Sprung an und zeigt einmal mehr, was sie mit ihrer Stimme anzufangen weiß. Selbst wenn die 45-Jährige, wie in dem Track, zu schreien beginnt, klingt das nicht nur ekstatisch, sondern eben auch melodisch. Es braucht nicht mehr als vier Songs, um zu beweisen, dass Anna Calvi im Indierock-Kosmos unverzichtbar ist. Ein wirklich intensives Werk, dessen Verarbeitung Zeit und Kraft kostet – im besten Sinne.


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