„Trying Times“: Für seine neue LP nimmt James Blake mehr denn je die Zügel in die Hand und zeigt, dass es tatsächlich wieder an der Zeit ist, Dinge auszuprobieren, statt Ratschlägen und Auflagen zu folgen.
Mit „Playing Robots Into Heaven“ hat James Blake 2023 aus unserer Sicht das beste Album seiner bisherigen Karriere hingelegt. Warum? Weil es radikal, mutig und grandios inszeniert war. Bis heute klingen die Beats und Melodien nach. Blake ist es gelungen, wirklich innovative Clubmusik zu machen, die sich deutlich von der herkömmlichen Masse abhebt. Ein Qualitätsmerkmal, das den 37-Jährigen seit Beginn seiner Karriere auszeichnet. Er schwimmt gegen den Strom und nimmt dabei etliche Fans mit. Mit „Trying Times“ legt er nach der Kollaborations-LP „Bad Cameo“, die 2024 zusammen mit Lil Yachty entstand, nun sein nächstes, insgesamt siebtes Studioalbum vor. Dieses ist zu Teilen eine Abkehr von der Up-Tempo-Ästhetik des Vorgängers hin zu dem, was auch auf früheren Werken Balkes schon präsenter war: ein atmosphärisches Gemisch aus Pianomusik, Dubstep, Lo-Fi, Synthpop und Alternative R’n’B. Dennoch ist „Trying Times“ kein Wiederaufwärmen jener Erfolge. Die Ekstase von „Playing Robots Into Heaven“ hat nämlich ihre Spuren im Songwriting bzw. in den Kompositionen hinterlassen. Wir erleben also eine Fusion, die aus der Gesamtheit von Blakes Diskografie zu entspringen scheint, und mit neuen verspielten Elementen kombiniert wird. Ein Beispiel ist der Track „Make Something Up“, der wie eine Hommage an einen Rocksong à la Lenny Kravitz aus den späten Neunzigern klingt und Blakes Wandelbarkeit als Sänger zeigt. Ihm wird nämlich gern vorgeworfen, er könne nur vor sich hinhauchen und stöhnen. Auch das darauffolgende „Didn’t Come To Argue“ im Walzertakt, das plötzlich Rhythmus und Stil ändert, ein Feature von Monica Martin aufgreift und sich in einen Afterhour-Track verwandelt, die Hip-Hop/Trap-Nummer „Doesn’t Just Happen“ oder das flirrende Dancepop-Stück „Rest of Your Life“ beweisen, dass sich „Trying Times“ nicht kategorisieren lässt. Jeder der 13 Titel klingt eigenwillig und eröffnet eine andere akustische Welt. Manch einer wird „Trying Times“ nun eventuell einen zu eklektischen Ansatz vorwerfen, der beim Hören das Aufkommen eines Kohärenzgefühls blockiert. Wir aber mögen genau das. Die Platte transportiert Freiheit und Experimentierfreude, was für sich genommen schon eine Art roten Faden darstellt. Im Zuge der Produktion hat sich James Blake aus seinem Major-Label-Vertrag gelöst und mit „Good Boy Records“ eine eigene Plattenfirma gegründet, deren erstes Release „Trying Times“ ist. Ein radikaler Schritt, der sich auszahlt und es Blake ermöglicht, das zu machen, worauf er Lust hat, ohne sich rechtfertigen zu müssen. „Trying Times“ versprüht die Freude am Ausprobieren und wirkt wie ein Album, das man eigentlich am Beginn einer Karriere erwarten würde. Es ist unverkopft und von kreativer Neugier durchzogen. Auch textlich beklagt James Blake neben den omnipräsenten Themen existenzieller Unsicherheiten in unserer von Multikrisen geprägten Welt, denen man mit Liebe begegnen sollte, die Ökonomie der Musikindustrie und Streamingportale. Diese gefährden zunehmend den ursprünglichen Geist von Kunst und deren Rezeption. Folglich ist „Trying Times“ ein kluger Versuch, sich dem entgegenzustellen, und ermutigt das Publikum, sich auch mit komplexeren Ideen auseinanderzusetzen, statt nur das zu hören, was digital der Algorithmus oder analog die Verkaufszahlen als geschmackssicher berechnet haben. Danke für dieses wichtige Zeichen, Mister Blake!


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