REVIEW: ionnalee „ionnalee’s MOUTH OF A RIVER, pt. 1“

Die Entdeckung eines kreativen Missing Links: ionnalee reist mit „ionnalee’s MOUTH OF A RIVER, pt. 1” zurück in die Vergangenheit und zu den Anfängen ihrer Karriere als exzentrisches Electropop-Phänomen.

Nicht alles, was Musiker*innen schreiben und produzieren, wird am Ende auch den Hörer*innen präsentiert. Oft laufen Ideen ins Leere, Platten werden nicht fertiggestellt oder komplette Tracks werden als unpassend empfunden, um sie an das Publikum weiterzugeben. Nach zwei weniger bekannten Indie-Pop-LPs („10 Pieces, 10 Bruises“ (2007) und „This Is Jonna Lee“ (2010)) gründete Jonna Lee zusammen mit Claes Björklund das audiovisuelle Projekt iamamiwhoami. Damit avancierte sie via YouTube zum Internet-Geheimtipp und veröffentlichte schließlich das Debüt „bounty“ (2010). Anschließend konzentrierte sich die Schwedin wieder auf ihre Solokarriere, da iamamiwhoami schließlich nur als temporäres Duo angedacht gewesen war. Sie zog sich zurück, kapselte sich mit einem SM58-Mikrofon, einem kleinen AKAI-Keyboard und ihrer Stimme von der Außenwelt ab und ließ ihre kreativen Gedanken in verschiedenste Richtungen schweifen. Berauscht von der stilistischen Entwicklung, die die Zusammenarbeit mit Björklund in ihr ausgelöst hatte, sprudelten die Songideen nur so aus ihr heraus. Allerdings begleitet von massiven Zweifeln, ob sie gut genug seien, um an den Erfolg von iamamiwhoami anknüpfen zu können. Da Lee überzeugt war, dass dem nicht so sei, packte sie das, was damals unter dem Namen „Mouth Of A River“ Form anzunehmen versucht hatte, beiseite und plante stattdessen ein zweites Album mit Björklund. „kin“ erschien 2012 und wurde zum internationalen Durchbruch für iamamiwhoami, gefolgt von „BLUE“, für das Jonna Lee einige der „Mouth of a River“-Entwürfe aufgriff und gemeinsam mit Björklund weiterentwickelte. Der Rest der Stücke blieb jedoch wie ein gut gehüteter Schatz geheim. Unter dem Pseudonym ionnalee wagte Lee dann schlussendlich doch eine Rückkehr als Solokünstlerin und konnte sich mit den Schwester-Alben „EVERYBODY AFRAID TO BE FORGOTTEN“ (2018) und „REMEMBER THE FUTURE“ (2019) etablieren. Parallel arbeitete sie mit Acts wie Röyksopp, TR/ST, Imogen Heap oder Zola Jesus zusammen. Zuletzt erschienen dann 2022 eine weitere iamamiwhoami-Platte („Be Here Soon“) und 2024 ein drittes ionnalee-Album („CLOSE YOUR EYES“), das auch als schwedische Version („BLUND“) verfügbar ist. Doch damit nicht genug! Nun schenkt uns ionnalee auch endlich das, was längst in Vergessenheit geraten schien. Mit dem nötigen Selbstbewusstsein kehrte sie nämlich  in den letzten Monaten in jene Echo-Kammer zurück, die sie 2010 für „Mouth Of A River“ eröffnet hatte – fest entschlossen, das Album fertigzustellen. Dank des Abstands der vielen Jahre bemerkte Lee schnell, dass das, was sie da einst entwickelt hatte, alles andere als minderwertig war. Deshalb entschied sie sich, statt nur einer LP drei daraus zu machen. Beginnend mit „ionnalee’s MOUTH OF A RIVER, pt. 1“, sollen bis zum Sommer auch die beiden weiteren Teile folgen. Spannend ist, dass man „ionnalee’s MOUTH OF A RIVER, pt. 1“ tatsächlich anhört, aus welcher Zeit es stammt. Anstelle des fast schon mainstreamtauglichen, verspielten Electropops, den man mittlerweile von ionnalee gewöhnt ist, präsentieren sich die zehn Titel auf „ionnalee’s MOUTH OF A RIVER, pt. 1” deutlich rauer und experimenteller. Man könnte es als Bindeglied zwischen iamamamiwhoamis „kin” und „BLUE” bezeichnen. In jedem Fall ist es ein grandioses Werk, das direkt Lust auf die noch kommenden Erweiterungen macht. Lee zeigt erneut, wie gut sie es versteht, mit Synth-Sounds und Gesang ätherische Stimmungen entstehen zu lassen, die ebenso archaisch wie futuristisch sind. Zeitlos, lebendig, aber auch kühl und distanziert. Ein komplett eigener Kosmos, den man zu 100 % mit dem Namen Jonna Lee verbindet und der seinesgleichen sucht.


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