REVIEW: Aldous Harding „Train On The Island“

Auch auf ihrem fünften Studioalbum weiß Aldous Harding zu überraschen: „Train On The Island“ erschafft Rätsel, die wohl kaum jemand je lösen wird.

Von Beginn ihrer Karriere an hat Aldous Harding das gemacht, was sich für sie richtig anfühlte. Unabhängig davon, ob ihre fragmentarischen, metaphorischen Texte verstanden werden, ob man sich daran stößt, dass sie sich weigert, unausgesprochene Regeln zu folgen, was Songstrukturen oder -aufbau beim Komponieren betrifft, oder ob ihr Gesang als zu eigenwillig empfunden wird. Und irgendwie traf die Neuseeländerin damit genau einen Nerv beim Publikum, sodass sie binnen zehn Jahren vom Geheimtipp zum echten Phänomen heranwuchs. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie in kleinen Underground-Clubs spielte; heute sind es stattliche Konzerthäuser, die schnell ausverkauft sind, wenn Aldous Harding auf dem Programm steht. Nach „Warm Chris” aus dem Jahr 2022 erscheint mit „Train On The Island” nun ein weiteres Album, das das eingangs beschriebene Motto auf die Spitze treibt. Aldous Harding zeigt sich experimentierfreudiger denn je. Sie wechselt Tempi und Stimmungen schneller als ein Chamäleon die Farbe, verbindet Genres wie Indierock, Avant- oder Barock-Pop konsequent inkonsequent mit Folk als Basis und lässt ihren Gesang eine Metamorphose nach der anderen durchlaufen. Mal klingt sie entschlossen und vollmundig, mal quietschig ironisch, mal zerbrechlich und doch irgendwie immer einzigartig. Die Songs auf „Train On The Island“ funktionieren dabei nicht nur als Album gut, sondern auch als in sich geschlossene (Kunst-)Werke. Anstatt sich an bereits mehrfach verwendeten Ideen erneut abzuarbeiten, versucht Aldous Harding neue Wege zu gehen und die Grenzen ihrer Kreativität weiter auszuloten – um dann festzustellen, dass noch lange kein Ende nicht in Sicht ist. Das beschert uns als Hörer:innen ein buntes Potpourri an Klängen, Rhythmen und Melodien. Die Bandbreite reicht von melancholisch-wabbernden, verträumten Stücken wie „Worms“, das in einzelnen Sequenzen schon fast an Songs der Franzosen von AIR erinnert, über akzentuierte, von Aldous Hardings Gesang beherrschte Tracks wie dem Opener „I Ate The Most“, vor sich hin piepende und düdelnde Nummern wie „Venus In The Zinnia“ oder das düster glühende, mahnende „What Am I Gonna Do?“ bis zu gitarrenlastigen, countryesken Liedern wie dem finalen „Coats“. All diese Stücke koexistieren friedlich nebeneinander, reiben sich aber auch an Ecken und Kanten, was für jene Spannung sorgt, die eine LP zwingend braucht, um mehr zu sein als eine Eintagsfliege. Produziert wurde die Platte erneut von ihrem langjährigen Vertrauten John Parish, der bereits andere Ausnahmetalente wie PJ Harvey, Eels oder Goldfrapp zu Erfolgen verhalf. Neben dem ebenfalls von Parish begleiteten internationalen Durchbruch „Party“ (2017) zählt „Train On The Island“ definitiv zu den aufregendsten Alben in Aldous Hardings beeindruckender Diskografie.


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