Wie ein gut gekochtes Essen, das ausgewählte Zutaten und Geduld braucht, um seinen vollen Geschmack entfalten zu können, während vielerorts Fast Food die Geschmacksnerven stimuliert: „Life After Music“ von Daniel Benyamin.
Für Menschen, die noch ohne digitale Omnipräsenz in ihrem Alltag aufgewachsen sind und nicht ständig sämtliche Songs aller erfolgreichen Künstler*innen der letzten 100 Jahre zur Verfügung hatten, sind die jüngsten Entwicklungen in der Musikbranche oft mit einer gewissen Skepsis verbunden. Wie muss es aber erst für diejenigen sein, die Musik nicht nur „konsumieren”, sondern sie auch entwickeln? Daniel Benyamin, Singer-Songwriter und einst die männliche Hälfte des Duos SEA + AIR, bezieht dazu Stellung: in Interviews, in den Texten seiner Songs und auch in der Art und Weise, wie er sie veröffentlicht. So gründete er beispielsweise mit Kolleg*innen die Ghost Palace Artist Society, die mittels spezieller Strategien demonstrieren und etablieren will, dass wieder achtsamer und bedachter mit Veröffentlichungen umgegangen werden sollte. Beispielsweise erscheinen Alben zugehöriger Acts oft nur in physischer Form oder zumindest mit einem gewissen Vorlauf gegenüber Streamingportalen. Wenngleich dies wie ein Kampf gegen Windmühlen erscheinen mag, ist es doch schön mitzuerleben, wie statt Resignation Hoffnung genutzt und in Aktivismus verwandelt wird. Wenn dieser Aktivismus dann auch noch derart beeindruckend klingt wie bei Daniel Benyamins „Life After Music“, führt das durchaus dazu, dass Hörer*innen für einen Moment innehalten und nachdenken. Vielleicht auch darüber, wie sie selbst dazu beitragen, der Musiklandschaft allmählich ihre Seele zu rauben, in dem sie mit einem monatlichen Beitrag von circa zehn Euro – wofür man früher nicht einmal eine einzige CD kaufen konnte – Anbieter unterstützen, die in ihrem Angebot zunehmend auf künstliche Produktionen zurückgreifen. So müssen sie nämlich noch weniger Abgaben an real existierende Artists zahlen, als sie es ohnehin schon tun. Eine Tragik, die auch „Life After Music“ durchzieht, ist dabei die Frage, was bleibt, wenn niemand mehr davon leben kann, Musik zu machen. Neben Kraft und Ausdauer kostet das nämlich vor allem Geld und erfordert dementsprechend eine angemessene Vergütung, damit sich die Menschen hinter der Kunst keine existenziellen Sorgen machen müssen, sondern sich auf das kreative Arbeiten fokussieren können. „Life After Music“ knüpft stilistisch an Benyamins früheres Projekt SEA + AIR an, das er zusammen mit seiner Exfrau Eleni Zafiriadou gegründet und betrieben hatte. Es gibt sogar eine direkte Verknüpfung: Der Track „Should I Care?“ befand sich in anderer Form bereits auf „Evropi“, dem zweiten Album von SEA + AIR aus dem Jahr 2015. Allerdings wirkt nicht nur dessen Neuinterpretation, sondern die gesamte Platte gewichtiger, weniger verspielt und ernster als die Alben von SEA + AIR. Vielleicht sogar ein Stück weiser. Schließlich ist Daniel Benyamin zehn Jahre älter geworden, hat reflektiert und sein Talent als Sänger und Songschreiber weiter geschliffen. Das Ergebnis ist eine LP, auf der kein einziger der insgesamt 22 Tracks fehlen dürfte. Denn auch hier bricht Daniel Benyamin mit dem, was in Zeiten von TikTok & Co. zum Gesetz zu werden scheint: Anstatt weniger, kurzer Snippets präsentiert er uns eine opulente, ausladende Platte, die den Begriff „Longplayer“ tatsächlich verdient. Sie nimmt sich Zeit, Stimmungen wachsen, sich verändern und wieder vergehen zu lassen. Getragen von ebenso organischen Klängen wie artifiziellen Sounds, die aber nicht beliebig, sondern perfekt platziert scheinen, beherrscht Daniel Benyamin es, seinen Instinkten zu folgen. Eine Fähigkeit, die bei vielen Popstars verschüttet ist, indes versuchen, ihren Erfolg lieber systematisch zu berechnen. Als Multiinstrumentalist hat Daniel Benyamin den großen Vorteil, dass er seine Visionen oft ohne großen Aufwand umsetzen kann. Klanglich bewegen sich die Stücke auf „Life After Music“ zwischen Indierock, Alternative Folk, Pop Noir und Ambient. Sie werden durch verschiedenste Einflüsse aufgewertet und abgerundet, die mal dem Balkan, mal der deutschen Landidylle und dann wieder einer fantastischen Parallelwelt zu entstammen scheinen. Eine wunderbar einzigartige Mischung, die qualitativ extrem hochwertig umgesetzt wurde und dem, was Daniel Benyamin zu erreichen versucht, ein stabiles Fundament schenkt. Nämlich zu zeigen, dass Musik mehr kann als uns einen kurzen Endorfinrausch zu verschaffen, der schnell wieder abflaut, sodass wir weitere Reize brauchen, um das selbe Glücksgefühl auszulösen. Hier geht es stattdessen um Nachhaltgkeit. Auch nach Wochen und Monaten wird man in den Tiefen dieses Albums noch überraschene Sequenzen und Stilmittel finden oder die Liebe zu dann bereits altbewährtem weiter stärken und ausbauen könne. Es geht nämlich darum zu zeigen, dass Musik mehr kann, als uns einen kurzen Endorphinrausch zu bescheren, der schnell wieder abflaut, sodass wir weitere Reize benötigen, um das gleiche Glücksgefühl auszulösen. Hier geht es stattdessen um Nachhaltigkeit. Auch nach Wochen und Monaten wird man in den Tiefen dieses Albums noch überraschende Sequenzen und Stilmittel entdecken oder die Liebe zu Altbewährtem weiter stärken und ausbauen können.


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