Get Well Soons „Minus The Magic“ besänftigt manch junges, wild schlagendes Herz mit Reflektiertheit und Stärke.
Wenn man Mitte 40 ist, befindet man sich statistisch gesehen leicht über der Lebensmitte eines durchschnittlichen Menschen aus gut bürgerlichen Verhältnissen mit Zugang zu Gesundheitsleistungen und einem weitestgehend bewussten Lebensstil – wobei das bei Musiker*innen aufgrund vieler Faktoren häufiger eher nicht der Fall ist. Konstantin Gropper widmet mit seinem Projekt Get Well Soon besagtem Lebensabschnitt jedenfalls ein komplettes Konzeptalbum. Schon immer war es Gropper wichtig, dass seine Alben einen roten Faden haben. Etwas, das die einzelnen Stücke miteinander verbindet. Für „Minus The Magic“ ist es jene verheißungsfvolle Lebensmitte, die textlich zentral ist und generell für viele von uns mit Reflexionsprozessen einhergeht. Habe ich erreicht, was ich wollte? Bin ich glücklich mit dem, wer ich bin und was ich habe? Welche Chancen habe ich verpasst? Wie bin ich gelandet, wo ich jetzt bin? Anstelle einer Midlife-Crisis resultiert die Auseinandersetzung mit diesen Fragen bei Gropper in einem Gefühl von Zufriedenheit. Dieses Gefühl scheint wiederum – neben Erfolg und Wachstum – auch auf die Akzeptanz zurückzuführen, dass der Sturm und Drang der Jugend irgendwann abflauen darf und nicht Taktgeber für die zweite Lebenshälfte sein muss. Musikalisch ist „Minus The Magic” das Beste aus allem, was in der Diskografie von Get Well Soon bisher zu finden ist. Es gibt opulente, kraftvolle Instrumentierungen zwischen Indierock und orchestralem Pop, stille, nachdenkliche Momente, Sphärisches, stilistische Brüche, gefolgt von wiedervereinenden Sequenzen, Blut, Schweiß und etliche hinreißende Melodien und Lyrics, die alles zusammenhalten. Das einstige Wunderkind der deutschen Indieszene, das 2008 mit seinem Debüt „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon“ Kritiker*innen begeisterte und Hundertausende von Fans hinter sich evrsammeln konnte, ist zu einem fast schon weise wirkenden akustischen Propheten herangereift, der noch einiges zu verkünden hat. Besonders spannend ist dabei, dass „Minus The Magic“ die erste LP in der Karriere von Gropper ist, die er komplett mit Band live einspielte. Die daraus resultierende Flüchtigkeit und Gemeinschaft haben einen Rahmen geschaffen, in dem die elf Songs wie edle Gemälde strahlen dürfen. Gleichzeitig sind sie aber eben auch mit rauen, progressiven Botschaften gespickt und bringen zu jeder Zeit die nötige „Edginess“ mit, sodass man ihnen durchaus das Prädikat „punkig“ verpassen kann. Und wem das alles noch nicht reicht, um der Platte ein Ohr zu schenken, dem sei gesagt, dass in diesem Jahr noch eine zweite folgen wird. Scheinbar gibt die Lebensmitte genug her, um daraus mehr als elf Songs abzuleiten. Das ist alles andere als mittelmäßig und zeigt, wie sehr Gropper in seiner persönlichen inneren Mitte angekommen zu sein scheint.


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