REVIEW: Kelsey Lu „So Help Me God“

Sich den eigenen Dämonen zu stellen, geht selten mit derartiger Anmut einher wie auf Kelsey Lus Zweitwerk „So Help Me God“

Die wenigsten Lebensläufe sind geradlinig. In den Biografien der meisten von uns gibt es stattdessen Höhen und Tiefen. So auch in der Vergangenheit der nichtbinären Songwriter*in und Cellist*in Kelsey Lu. Aufgewachsen in einer streng gläubigen Familie der Zeugen Jehovas, war Kelsey Lu schon früh mit Themen wie Religion und Moral konfrontiert. Lu tauchte in diese ein, stieß sich an ihnen und musste sich schließlich eine eigene Meinung und einen eigenen Standpunkt erarbeiten. Was nicht einfach war. Allzu oft fühlte Lu sich unverstanden und ungesehen. Gleichzeitig war da aber auch die Liebe zur Musik, die Lus Eltern als Percussionist und Pianistin Lu förmlich in die Wiege gelegt hatten. Diese Liebe war für Kelsey Lu stets ein Hoffnungsschimmer, der Perspektiven eröffnete, wo sonst das Gefühl der Einsamkeit dominierte. „So Help Me God“ reflektiert Lus Werdegang als denkendes und fühlendes Wesen, das im Glauben sowohl einen Anker fand als auch ein die Identität wiede rund wieder erschütterndes Erdbeben. Als Hörer*innen erhalten wir die Gelegenheit, die Vielschichtigkeit dieses Reflexionsprozesses anhand von Rhythmik und Melodien nachzuempfinden. Nichts von dem, was die zehn Tracks präsentieren, ist in eine einfache Form zu pressen. Stattdessen nutzt Kelsey Lu stilistische und dynamische Brüche, um die Ambivalenzen, die Lus Leben von jeher kennzeichnen, auch akustisch auszudrücken. „So Help Me God“ bewegt suích gekonnt zwischen unterschiedlichsten Einflüssen. Von souligen Gesängen und Klavierspiel bis hin zu fast Deep-House-artigen Beats, groß angelegtem Orchesterpop oder reduziertem Art-Rock. Kontraste akzentuieren die einzelnen Zutaten, die Kelsey Lu verwendet hat, um diese Platte zu erschaffen, und verstärken jede einzelne Zutat in ihrer Wirkung. Mal reduzierter, mal opulent bildet die LP eine Bandbreite ab, die der Komplexität der zugrunde liegenden Thematik gerecht wird. Derweil zeigen Gastbeiträge von Kim Gordon, Sampha und Kamasi Washington, in welcher Liga sich Kelsey Lu bewegt. Nämlich in der ersten Reihe der alternativen Musikszene, die maßgeblich daran beteiligt ist, einen avantgardistischen Sound zu formen, der vielleicht sogar bereits das nächste Kapitel der Musikgeschichte aufzuschlagen vermag. Auf „So Help Me God“ bietet Kelsey Lu jedenfalls einen ganzen Strauß visionärer Songs, bei denen es sich lohnt, ganz genau hinzuhören, die Feinheiten auf sich wirken zu lassen und die Begeisterung, den Schmerz und die Verwirrung nachzuspüren, die Lu in der Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und Erziehung empfunden haben dürfte. Ein aufrüttelndes und gleichzeitig wunderschön ausgearbeitetes Album! Visuell wird dieses durch einen Kurzfilm der BAFTA-prämierten Regisseurin Savanah Leaf komplementiert, dem auch die einzelnen Videos zu den Single-Veröffentlichungen entsprungen sind.


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