Ob kalkuliert oder nicht: Madonna gelingt mit „Confessions II“ das, was sich viele erhofft haben. Sie schafft ein Sequel, das die Dynamik des Vorgängers aufgreift und mit noch mehr Beats und weiteren ikonischen Momenten anreichert.
„Confessions On A Dancefloor“ (2005) zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Alben Madonnas und ist ein absoluter Fan-Liebling. Kein Wunder also, dass die Rufe nach einem Nachfolger schon lange laut waren. Und wie es sich für Mother, als die sich Madonna gegenüber ihren Anhänger*innen gern bezeichnet, gehört, kommt sie den Bedürfnissen ihrer „Kinder“ nun nach. „Confessions II“ entstand wie das Original in enger Zusammenarbeit mit dem Briten Stuart Price, der als Songwriter, Produzent, DJ und Mitglied der Band Zoot Woman tätig ist. Euphorisch stürmt er auf die Tanzfläche, um aus der Queen of Pop einmal mehr eine anmutige Königin der House- und Dance-Musik zu machen. Schillernd, emanzipiert und lustvoll erotisch thront Madonna 20 Jahre nach „Confessions On A Dancefloor“ erneut unter der flirrenden Disco-Kugel. Womit wir beim Thema wären. Denn Madonna hat sich entschieden, „Confessions II“ gezielt über die schwule Dating-App Grindr zu bewerben. Auf einem eigenständigen Profil wurde den Nutzern eine Sprachnachricht abgespielt, die auf eine exklusive Picture-Disc-Version der LP hinwies, sobald sie darauf klickten. Darüber hinaus hostete sie eine Q/A-Session über das Portal, bewarb dort ihren spektakulären Times-Square-Auftritt und zeigte so der US-amerikanischen Regierung, die die Rechte von schwulen, lesbischen, bisexuellen, intergeschlechtlichen und trans Menschen zunehmend beschneidet, indirekt den Mittelfinger. Durch diese Gewichtung in der Promotion zu „Confessions II“ unterstreicht Madonna mit Nachdruck, dass sie ihre queere Hörer*innenschaft, die für sie schon immer von großer Bedeutung war, nicht vergessen hat – egal, welche Vorteile sie daraus ziehen könnte, sie fallen zu lassen – zum Beispiel um den Respekt eines fragwürdigen Präsidenten, der als mächtigster Mann der Welt gilt, zu gewinnen. Im Gegenteil. Madonna widmet die LP den Unterdrückten. Nicht zuletzt, da die Platte stilistisch an die Hochphase der House-Musik Mitte der Achtzigerjahre erinnert (sogar namentlich im Track „Danceteria“, der auf den gleichnamigen legendären New Yorker Club Bezug nimmt), welche wiederum vor allem durch die LGBTIQ+-Community mit Leben erfüllt worden war. Für die Queen of Allies (Verbündete) wurde die Szene schnell zu einem Zuhause und machte sie zu einer der wichtigsten Ikonen für marginalisierte Gruppen. Weil sie anders, progressiv, mutig und laut war, kein Blatt vor den Mund nahm, mit der Prüderie der Gesellschaft kokettierte und deren Grenzen immer wieder sprengte. Es ist schön zu erleben, wie „Confessions II“ einmal mehr als Liebesbeweis für die Verbundenheit zwischen Madonna und ihrer queeren Gefolgschaft fungiert und nicht zufällig während der Pride-Season erscheint. Aber auch alle anderen dürfen sich auf ein mitreißendes Comeback inklusive einiger Überraschungen freuen! Denn wie so oft, versteht es Madonna, aktuelle Trends gekonnt in ihr Werk einzuweben. Neben dem offensichtlichen House- und Dancehall-Revival wären da zum Beispiel Reggaeton-Einflüsse à la Bad Bunny („Read My Lips“), Ausflüge in die Weiten eines genre-überschreitenden Pop sowie zahlreiche stilistische Brücken und Reminiszenzen zu früheren Alben Madonnas oder sogar den Werken klassischer Meister. Der Track „Betrayel“ enthält ein Sample von Erik Saties „Gnossienne: No. 1“, das mit düsteren Trip-Hop-Sequenzen fusioniert wird. Beachtlich ist zudem auch die Liste der Künstler*innen, die an „Confessions II“ mitgewirkt haben – sei es musikalisch oder in Form von begleitenden Aktionen. Wenn das Material Girl ruft, folgt das Who is Who der Popkultur im Eilschritt. Auf der Platte hören wir neben Sabrina Carpenter beispielsweise auch die trans Musikerin Arca, den Belgier Stromae, den kolumbianischen Superstar Feid, Martin Garrix und Madonnas Tochter Lourdes, die unter dem Pseudonym Lola Leon (früher Lolahol) bereits eigene Songs inklusive der sehr empfehlenswerten EP „Go“ (2022) veröffentlicht hat und stilistisch deutlich experimenteller und auch more edgy als ihre Mutter daherkommt. In den Videos und der Promotion sieht man derweil von Charli xcx über Kylie Minogue und Benedict Cumberbatch bis hin zu Kate Moss viele bekannte Gesichter an der Seite der Queen of Reinvention (Neuerfindung), während diese die Cover von Interview, Vogue und etlichen anderen wichtigen Magazinen ziert. Denn neben der Musik ging es bei Madonna schon immer um mehr. Mehr Wow, mehr Botschaft, mehr Provokation. Nachdem die Fans die längste Veröffentlichungspause zwischen zwei Alben in ihrer 40-jährigen Karriere ertragen mussten – der Vorgänger „Madame X“ erschien 2019 – erweist Madonna sich als dankbar und belohnt das lange Warten, indem „Confessions II“ sowohl als 12- als auch als 16-Track-Variante in verschiedensten Formaten erscheint. Darunter auch als Gesamtmix, sprich ohne Unterbrechungen, sodass die Titel ineinander übergehen und das Gefühl, als Zuhörende*r einer rauschenden Party beizuwohnen, noch stärker unterstützt wird. Das gab es auch bei „Confessions On A Dancefloor“ schon, was viele beim Hören des Albums als Abspielvariante bevorzugten.
Schlussendlich belebt Madonna mit „Confessions II“ nun also ihren eigenen Trend wieder, zeigt, dass sie immer noch zahlreiche Asse im Ärmel hat und nicht daran denkt, sich das Zepter der Queen of Everything – hier können wir tatsächlich den Rahmen etwas sprengen – aus der Hand nehmen zu lassen. Selten hat das Aufwärmen alter Erfolgsrezepte ein heißeres, würzigeres akustisches Gericht hervorgebracht. Doch gibt es neben all der Ekstase und dem lodernden Hedonismus vor allem im letzten Drittel der LP auch bedachtere Momente, in denen Madonna Themen wie Identität, Schuld und den Tod ihres Bruders (im von einem Herzschlag begleiteten „Fragile“) reflektiert und verarbeitet. Es wird Madonna gern vorgeworfen, dass alles, was sie tut, berechnend, sogar seelenlos sei. Das erklärt jedoch nicht, wie es sein kann, dass jedes ihrer Alben einschlägt wie eine Bombe und die Menschen bewegt – im Guten wie im Schlechten. Ohne Stars wie Madonna und ihr „Confessions II“ wäre die Welt ein monotoner, grauer Ort.
Eine alternative, kürzere Version dieser Review ist in der finalen Printausgabe des Mannschaft Magazins erschienen.


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