REVIEW: Jack White „Frozen Charlotte“

Jack Whites „Frozen Charlotte“ ist kein einfaches Brett von einem Album, sondern eine ganze Armada davon. Doch statt uns die Sicht zu verstellen, räumt die Platte mit all den anderen Brettern vor unseren Köpfen auf.

Als Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame, in die er 2024 aufgenommen wurde, hat Jack White einen Ruf zu verteidigen. Doch dürfte ihm dies nicht schwerfallen, denn wenn man nach würdigen Nachfolger*innen für Legenden wie die Rolling Stones, Black Sabbath oder Aerosmith sucht, dann landet man ohnehin bei dem 1975 in Detroit als John Anthony Gillis geborenen Sänger, Songwriter, Gitarristen, Schlagzeuger und Produzenten. Kaum jemand in seiner Generation steht mehr für rohe, unpolierte und dennoch emotionsgeladene Gitarrensongs als Jack White. Mittlerweile hat er sogar den Altmeistern einiges voraus, wenn man bedenkt, wie abgeschliffen und sanft deren letzte Veröffentlichungen klangen, während Jack White immer noch ein wenig härter in die Saiten seiner E-Gitarre greift. Sei es mit The White Stripes, Dead Weather, den Raconteurs oder in seiner Solokarriere – der 51-Jährige hat wieder und wieder gezeigt, dass er ein Händchen dafür hat, kantige Musik in die Charts zu bringen. „Frozen Charlotte“, sein siebtes Werk im Alleingang, ist nicht minder ambitioniert. Inspiriert von der Ballade „Fair Charlotte“, in der eine junge Frau auf einer Schlittenfahrt zu Tode kommt, weil sie sich aus Eitelkeit keine warme Kleidung anziehen wollte, hat er eine LP zu Themen wie Selbstdarstellung, Authentizität, Isolation und Körperlichkeit geschaffen. Dafür nutzt er lyrisch beispielsweise biblische und antike Bilder, um einen Bogen zur Gegenwart zu spannen und Bezug auf die heutige Gesellschaft zu nehmen, deren Mitglieder seelenlos vor ihren Smartphones sitzen und von der digitalen Welt angezogen werden wie Motten vom Licht. Die Klänge, mit denen Jack White seine mal mystisch verpackten, mal messerscharf-klaren Songs illustriert und begleitet, sorgen indes dafür, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer*innen vollends auf sich zu ziehen. Das hilft, um sich selbst und die Beziehung zur Welt um einen herum besser zu spüren. Da kommt gar nicht erst die Idee auf, zum Handy zu greifen und sich durch die sozialen Medien zu scrollen, bis die Finger glühen. Über die gesamte Länge des Albums regt Jack White sein Publikum mithilfe von Mahnungen und ironisch-sarkastischen Bemerkungen zum Nachdenken an. Dabei gönnt er dem Publikum kaum eine Pause. Von der ersten bis zur letzten Sekunde bleibt „Frozen Charlotte” energetisch und rastlos. Ruhe findet man erst, wenn das Finale „Neighbor’s Blues” verstummt ist. Die Freiheit, das zu tun und sich nach eigenem Gusto auszutoben, gewinnt Jack White dadurch, dass das Album – wie auch die letzten – auf seinem im Jahr 2001 gegründeten Label Third Man Records erscheint. No compromises needed! Full control ahead! Seit Beginn seiner Karriere versteht es Jack White, mit Rätselhaftigkeit, Charme, Durchsetzungskraft und verdammt guter Musik von sich reden zu machen. „Frozen Charlotte” knüpft daran an und arbeitet sich einmal quer durch die Vielfalt des Rocks: von Blues Rock über Garage Rock, Hard Rock, Punk Rock bis hin zu Psychedelic Rock und Alternative Rock. Ein wilder, intensiver Ritt!


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