Hyperpop mit Tiefgang: Mines „Killer” ist weniger gefährlich, als es vielleicht den Anschein hat, und stellt dennoch eine bedeutende Zensur in ihrem Schaffen dar.
„Ich habe alte Versionen von mir selbst abgetötet. Versionen, die ich nicht mehr sein will und aus denen ich mich heraus emanzipiert habe“, erklärt Mine im Zuge der Promotion zu ihrem sechsten Studioalbum „Killer“ und liefert damit gleichzeitig die Begründung für dessen Titel. Schon immer hat sich die gebürtige Stuttgarterin in ihren Songs mit ihrer Identität auseinandergesetzt und sowohl diese als auch das, was ihr tagtäglich passiert, hinterfragt. Schließlich sind die Geschichten, die wir selbst erleben, nicht nur die besten, sondern auch die authentischsten. Das Prädikat „Authentizität“ passt generell extrem gut zu Mines Kunst, die sich lyrisch wie emotional oft nackig macht, gleichzeitig aber auch immer das große Ganze im Blick behält. Spitzzüngig, mal ironisch, aber im Kern immer ernst gemeint, identifiziert sie die wunden Punkte unserer Gesellschaft und drückt im metaphorischen Sinne auch gern darauf herum. Denn nur dann spürt man den Schmerz, den deren Entwicklung verursacht. Zuletzt ist Mine in den sozialen Medien dadurch aufgefallen, dass sie Auftritte prominenter Männer, die sich fragwürdig und scheinbar ohne den Hauch einer Reflexion zu verschiedensten Themen öffentlich positionierten, lipsyncte und dadurch ad absurdum führte. Ein kreatives Experiment, das die Abgründe des Patriarchats aufzeigte und zugleich die Ermächtigung einer Frau in dessen Mitte präsentierte. Mine ist progressiv, ohne klassische Werte mit Füßen zu treten. Sie ist überzeugend, ohne von oben herab belehrend zu sein. Und sie ist Feministin, ohne alle Männer über einen Kamm scheren zu müssen. Der kreative Geist von Jasmin Stocker, wie Mine bürgerlich heißt, scheint nie stillzustehen, sondern eine Idee nach der anderen hervorzubringen. Deshalb greift es zu kurz, sie schlicht als Sängerin oder Musikerin zu bezeichnen. Vielmehr hat Mine eine starke ästhetische Handschrift etabliert, die einen wilden Genremix aus Pop, Electro, Folk, Hip-Hop, Jazz und Indie vereint. „Killer“ knüpft daran an und klingt doch ganz anders als seine Vorgängeralben. Anstelle ausgefeilter Instrumenten-Arrangements sind Synthesizer präsenter denn je und dienen Mine dazu, jene Atmosphären zu erschaffen, die die Botschaften ihrer Texte hervorragend unterstreichen. Hinzu kommen mehrfach eingestreute Vocoder-Aufnahmen, die Mines Stimme auf unterschiedlichste Art verzerren, treibende Beats und dann und wann auch bekannte Elemente wie Streicher, Chöre und – mit wenigen Ausnahmen – Mines deutschsprachigen Gesänge. Es scheint also kein kompletter Bruch mit dem zu sein, was die 40-Jährige bisher ausgemacht hat. Das wäre auch verwunderlich gewesen, denn Mine ist zu reflektiert, um nicht zu verstehen, dass persönliche Weiterentwicklung auch immer Versöhnung mit und Integration von ungeliebten Teilen des eigenen Ichs bedeutet. Die zwölf Stücke der Platte zeugen von scharfsinniger Beobachtungsgabe und einer Distanzierungsfähigkeit, die es Mine ermöglicht, aus der Vogelperspektive auf genommene biografische Abzweigungen zurückzuschauen. Mal mit lachendem, mal mit weinendem Auge. Denn „Killer“ ist voll von Stimmungswechseln. Das erzeugt eine gewisse Spannung, die auch in der akustischen Ausgestaltung der Platte allgegenwärtig ist. Nach der Albumtrilogie „Klebstoff“ (2019), „Hinüber“ (2021) und „Baum“ (2024) stellt „Killer“ somit einen frischen Impuls dar, der die Zuhörenden dazu anregt, eigene Werte, Entscheidungen und Ansichten zu hinterfragen. Das wird es auch brauchen, wenn wir als Menschen gestärkt aus persönlichen und globalen Krisen heraustreten wollen. Das wiederum wird nötig sein, wenn wir als Menschen gestärkt aus persönlichen und globalen Krisen hervorgehen wollen. Schön, dass mit „Killer” nun ein passender Soundtrack für diesen Prozess vorliegt. Teilweise beschleunigt er das Schrittempo, teiweise erschwert er das Vorankommen aber auch für einen Moment. Denn wie im Titeltrack „Killer“ heißt, gehört zu jeder Metamorphose, dass es auch manchmal unbequem wird, wenn man ans Ziel kommen will: „Ich rette mich selbst, das hat gedauert, es war Arbeit, harte Arbeit.“


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