REVIEW: Bonobo „Distance In Static“

Eine LP, die atmet, indes ihr Herz von elektronischen Rhythmen zum Schlagen gebracht wird: Bonobos „Distance In Static“.

Liveshows elektronischer Acts sind oft weder Fisch noch Fleisch. Es sind keine wirklichen Konzerte, da meist Musiker*innen fehlen und stattdessen große Mischpulte auf der Bühne stehen, hinter denen sich eine Person hin und her bewegt, ohne groß mit dem Publikum zu interagieren. Andererseits sind es auch keine Clubabende im klassischen Sinne, da alle Besucher*innen in eine Richtung schauen und man oft wie Sardinen in der Büchse gedrängt dastehen muss, statt ausschweifend nach links, rechts, vorne und hinten tanzen zu können. Simon Green hat es mit seinem Projekt Bonobo trotzdem geschafft, nutzt das Beste aus beiden Welten, wenn er auf Tour geht. Ein Abend mit Bonobo ist ein Fest für die Sinne. Es gibt treibende Beats, höchst professionelle und doch leidenschaftliche Instrumentalist*innen und Sänger*innen sowie meist atmosphärische Visuals, die die Venues erleuchten, während die Menschen vor der Bühne zu einer vor sich hin wabernden, energetischen Masse verschmelzen. Die Grundlage dafür, dass seine Shows nie fad oder leblos sind, sind Bonobos Alben. Von diesen hat er in 25 Jahren ganze acht veröffentlicht. Das neueste, „Distance in Static“, das dieser Tage erscheint, inszeniert auf eindrucksvolle Weise die Ambiguität in Greens Schaffen, gleichzeitig DJ und Komponist zu sein. Mehr denn je will sich diese Platte nicht in eine bestimmte Form pressen lassen. Sie will weder Chill-Out- noch Dance-Platte sein, weder rein beruhigend noch aufpeitschend. Anfang des Millenniums, im Nachklang der von Techno, Rave, aber auch Trip-Hop, Breakbeat und Ambient geprägten Neunziger, hat Bonobo als Pionier ein Subgenre der elektronischen Musik etabliert, das unmittelbar mit ihm assoziiert wird: Organic House. Egal, wer sich dieser Stilistik bedient – sofort werden Referenzen und Erinnerungen an ihn wachgerufen. Als ungekrönter, heimlicher König dieser elektrifizierten, jazzig-poppigen und teils filmischen Spielart versammelt Bonobo auf „Distance In Static“ all seine Talente. Beispielsweise beginnt ein Song wie „Cycles” als Clubhymne und mündet dann in einem transzendenten, atmosphärischen Höhepunkt. Oder der letzte Track „Mercury“, der mit fernöstlicher Ruhe ein perfektes Gegenstück zu ekstatischeren Nummern wie „Drift“ bildet. Mal mit Gesang – wahlweise auf Englisch, Japanisch oder Urdu, der Nationalsprache Pakistans – und vorgetragen von brillanten Gästen wie Arooj Aftab, Joy Crookes, Nilüfer Yanya, Ichiko Aoba, Nicole Miglis (Hundred Waters) und Ana Martin, mal ohne, erforscht Bonobo Mikro- und Makrokosmen. Von kleinstteiligen, winzigen Organismen bis hin zur Unendlichkeit des Universums. „Distance In Static“ bietet Nahes und Fernes und vereint Elemente aus den verschiedensten Ecken und Enden dieses Planeten, die durch Bonobos Beats zusammengehalten werden. Ein postmodernes World-Music-Album eines gereiften Avantgardisten, der es trotz markanter Charakteristika in seinen Stücken versteht, seiner akustischen Handschrift immer wieder neue Facetten hinzuzufügen. Zwischen vertrauten Sequenzen und frischen Impulsen avanciert „Distance In Static“ zu einer Platte, die ihre Hörer*innen in der Leblosigkeit von KI, die auch dem Musikbusiness zunehmend die Energie raubt, trotz computergestützter Arrangements tief in einer natürlichen Vitalität verwurzelt. Da sollte man sich auf keinen Fall die geplanten Termine in Deutschland entgehen lassen, bei denen „Distance In Static“ erneut im Live-Kontext vorgestellt wird. Zumal Green ankündigte, dass er Monumentales vorhabe und mit der dazugehörigen, ausgedehnten Welttournee ein Kapitel in seinem Schaffen schließen wolle. Wir dürfen also gespannt sein, ob „Distance In Static“ nun ein Finale oder am Ende eher eine Transformation markiert.


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