Agnes Obel öffnet mit „The Meaning of Flowers“ ein weiteres Kapitel in ihrem Schaffen, das aufgrund seines introspektiven und kontemplativen Charakters lange nachhallen wird.
Vermutlich kann man, wenn man es selbst nie erlebt hat, kaum nachvollziehen, was es bedeutet, Mutter zu werden. Wie einschneidend es ist, wenn das schlagende Herz eines eigenständigen Menschen in einem heranwächst, derweil sich der eigene Körper verändert und alles in dem magischen Moment gipfelt, in dem das gut gehütete Geheimnis gelüftet wird, wer sich da unter der Brust entwickelt hat. Das erklärt auch, warum so viele Künstlerinnen die Mutterschaft in ihrem Werk zum Thema machen und sich zumindest in einigen Songs, wenn nicht sogar auf einem ganzen Album, damit auseinandersetzen. Agnes Obel, dänische und seit langen Jahren in Berlin ansässige Sängerin, Pianistin, Songwriterin, Multiinstrumentalistin und Produzentin, erlebte die Schwangerschaft und Geburt ihres ersten Kindes ebenfalls als echte Zäsur. Beflügelt von dem damit einhergehenden Rausch, der sich sogar neuronal und hormonell nachweisen lässt, beschäftigte sich Obel ausführlich mit dem Motiv des Neuanfangs – nicht nur für den Säugling, der in unsere Welt kommt, sondern auch für seine Mutter in ihrer neuen Rolle. Denn nicht nur der Alltag mit seinen Routinen und Strukturen, sondern auch das Denken und Fühlen verändern sich maßgeblich. So lässt sich auch erklären, warum Obel mit „The Meaning of Flowers“ nicht nur auf textlicher Ebene ihre Überlegungen zum Muttersein und dem damit einhergehenden Wandel verarbeitet, sondern auch stilistisch eine Metamorphose durchläuft. Vor allem der erste Teil der Platte begleitet Agnes Obel auf einer akustischen Erforschungsreise, bei der sie ihren bisherigen Stil, der von Klavier, Streichern, mehrstimmigem Gesang und ihrer intimen, beinahe schwebenden Stimme geprägt war, noch weiter ausdifferenziert. Auffällig sind neben dem prägnanten Einsatz von Pitch-Elementen – also Verzerrungen der Stimme –, die es zwar auch auf den Vorgängeralben „Citizen of Glass“ (2016) und „Myopia“ (2020) schon gegeben hat, die jetzt aber noch durchdringender scheinen, auch unterschiedlichste Beats und Percussions. Denn sie verleihen „The Meaning of Flowers“ im wahrsten Sinne des Wortes seinen Takt und stoßen Dynamiken an, die die oft melancholische Handschrift von Obel und deren Dramatik um eine bis dato eher seltene Leichtigkeit ergänzen. Im zweiten Teil der LP wird das Tempo dann jedoch wieder etwas gedrosselt und es tritt jene Stimmung in den Vordergrund, die einen bei Obels Werken gern an ein loderndes Feuer im Kamin eines von groben Steinwänden umgebenen Zimmers denken lässt, in dem eine Person in einem großen Ohrensessel sitzt und über ihr Dasein sinniert. Im Zuge von „The Meaning of Flowers“ waren es für Agnes Obel vor allem die Autorin Hannah Arendt und die antike Priesterin Enheduanna, die ihre Beschäftigung mit zentralen Fragen rund um Liebe, Sexualität, Geburt und kosmische Verbundenheit noch vertieften. Die damit einhergehende Tiefgründigkeit durchdringt Stücke wie die Vorabsingle „Laymelli“, „Blood so Red“ oder „Jenn’s on the Way“ mit einer Massivität, die Zuhörer*innen Demut und Ehrfurcht abringt. Dies ist jedoch nie unangenehm, sondern sorgt eher für Staunen und einen Hauch von Transzendenz, also das Überschreiten physischer Grenzen hin zu einem höheren Bewusstseinszustand. „The Meaning of Flowers“ ist das beeindruckende Werk einer Meisterin der Stimmungen, die sich aber auch nicht scheut, Irritationen in die Schönheit ihrer äußerst ästhetischen Songs einzubauen.


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