REVIEW: Fontaines D.C. „Dopamine Chamber“

Fontaines D.C. entwickeln sich und ihren Sound konsequent weiter, vermeiden Wiederholungen und bescheren uns mit „Dopamine Chamber“ einen musikalischen Vorschlaghammer par excellence.

Weichgewaschen! Mit diesem Urteil könnte man das neue Album „Dopamine Chamber“ von Fontaines D.C. vorschnell abtun. Denn tatsächlich ist es der bisher am leichtesten zugängliche und mainstreamtaugliche Longplayer der Iren. Dass dahinter jedoch eine künstlerische Vision steckt, erkennt man nur, wenn man sich näher mit der Platte beschäftigt. Zuvor jedoch ein kurzer Rückblick: Die Band gründete sich 2014 in Dublin. 2019 folgte das Debüt „Dogrel“, das – wie viele der Songs von Fontaines D.C. – vor die eigene Herkunft im Spannungsfeld verschiedenster Konflikte verhandelt und die damit verbundene Wut in kantigen Rock-Klängen zum Ausdruck bringt. Auch die beiden Nachfolger „A Hero’s Death“ (2020) und „Skinty Fia“ (2022), wobei letzteres den internationalen Durchbruch für die Band bedeutete, waren noch klar härteren Rock-Genres wie Garage, Grunge, Noise und Alternative zugetan. Und doch webte sich langsam eine atmosphärische Note in das Geschehen ein. Melancholie in Form von Synth-Pop und Post-Punk. „Romance“ (2024), das bisher kommerziell erfolgreichste Werk von Fontaines D.C., liebäugelte dann teils mit Pop, noch ausladenderen elektronischen Texturen sowie Shoegaze und ebnete so den Weg, den nun „Dopamine Chamber“ fortsetzt. Während „Romance“ von dem Wunsch nach Nähe in einer von Isolation und Angst geprägten Welt kündet, geht „Dopamine Chamber“ textlich auf digitale Reizüberflutung, die Klimakrise, Orientierungslosigkeit und die Suche nach Authentizität ein, die die Sehnsucht nach Aufheiterung nährt. Denn das ist es, was die Menschheit aus Sicht von Frontmann Grian Chatten und seinen Kollegen aktuell am besten charakterisiert. Je düsterer und gewaltsamer unsere Umgebung wird, desto mehr versuchen wir, die aufkommende Verzweiflung mit Momenten des Rauschs und Endorphinschüben zu kompensieren. Zu überschreiben. Dick und gnadenlos. Fontaines D.C. nutzen eine Kombination aus Gitarrenrock, vor sich hin transzendierenden Synthesizern, orchestralen Elementen und einer cineastischen Produktion, um dem eine Form zu geben und besagten emotionalen Kontrast, den sie als Beobachtung der Menschheit wahrgenommen haben, auch in ihren Hörer*innen auszulösen. „Dopamine Chamber“ gelingt es dabei, trotz des Verzichts auf raue, schneidende Beats und Klänge, gewaltig und atemberaubend zu sein. Es bilden sich Walls of Sounds, vor denen Chattens Gesang mal wie ein loderndes Feuer Orientierung schenkt und mal bedrohlich wird. Die Mischung aus Hoffnung, Ekstase und Verderben, die die Band heraufbeschwört, entwickelt einen schier unaufhaltsamen Sog. Wenn dann auch noch ein Feature („Where Is Gone?“) mit einer der aktuell gefeiertesten Sängerinnen überhaupt hinzukommt, namentlich Rosalía, wird aus Wehmut abrupt Tragik, die direkt ins Herz trifft. Man kann gar nicht anders, als tief in verschiedenste Gefühlszustände zu verfallen, wenn sich die elf Stücke von „Dopamine Chamber“ Track um Track entrollen. In einer Zeit, in der Emotionen oft gar keinen Raum mehr haben, sondern nur noch wie kurze Blitze eines Gewitters auf- und wieder vorbeiziehen, ist das etwas Gutes. Hier sprudeln die Neurotransmitter – wie das namensgebende Dopamin – nur vor sich hin und überschwemmen uns mit seelischen und körperlichen Prozessen. Machen uns mal euphorisch, mal rastlos oder manisch, dann wieder ängstlich, zweifelnd, traurig und manchmal sogar aggressiv. Das gesamte Spektrum an Stimmungen findet zwischen Songs wie dem Opener „Six Shot Morning“, den Vorabsingles „Marianne“ und „Tongue“ sowie dem Finale „Intimate“, das als punkig angehauchtes Mantra die Platte beendet, Platz. Es ist Fontaines D.C. gelungen, sich mit „Dopamine Chamber“ einem noch breiteren Publikum gegenüber zu öffnen, ohne künstlerischen Anspruch einbüßen zu müssen. Das Album begeistert durchweg durch eingängige Melodien. Das Album begeistert durchweg mit eingängigen Melodien, spannenden stilistischen Entscheidungen und cleveren Lyrics. Dass dies ankommt und sowohl alte als auch neue Fans begeistert, zeigt sich daran, dass die Veranstaltungsorte, an denen die Iren auftreten, von Mal zu Mal größer werden und die Tickets sich immer zügiger verkaufen. Wir dürfen uns also darauf freuen, dass auch die hypnotischen Hymnen von „Dopamine Chamber“ bald durch riesige Hallen dröhnen und Tausende Menschen gleichzeitig zum Mitsingen bewegen werden! Denn das kann Musik! Sie synchronisiert unsere Affekte und schafft Zusammengehörigkeit – besonders, wenn sie derart viel Wucht mitbringt!


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