REVIEW: Abby „Hexagon“

Abby by Sophie KrischeNever judge a book by its cover. Zum Glück haben wir aber genau das in Bezug auf das heute erscheinende, zweite Album von Abby getan, sonst wäre uns wohl ein echtes Juwel moderner Avant-Garde-Musik durch die Lappen gegangen. Zuallererst sind es nämlich die recht simpel wirkenden Zeichnungen des Grafikers Merlin Flügel gewesen, die das Interesse unserer Redaktion geweckt hatten und den Release von „Hexagon“ begleiten. Angetan von den schlaksigen Wesen, die gesichtslos vor einem weißen Hintergrund agierten, beschäftigte sich unser Team auch mit der dahinterstehenden Klangkulisse – und die hatte weitaus mehr zu bieten, als wir anfangs erwartet hätten. 2013 erschien mit „Friends & Enemies“ das Debüt des in Berlin lebenden Quartetts. Dieses wusste vor allem durch ein paar recht eingängige Radiosingles wie „Evelyn“ oder „Monsters“ zu begeistern. Schon damals hatten wir Abby, aus für uns mittlerweile unerklärlichen Gründen, als eine akustische Randerscheinung abgetan und mussten uns dann eines Besseren belehren lassen. Spätestens, nachdem uns jetzt aber auch „Hexagon“ geradezu paralysiert hat, sollten wir verstanden haben, dass Abby eine ernstzunehmende Rettung für den Ruf deutscher Popbands darstellen dürften. Warum, das schlüsseln wir im Folgenden auf.

HexagonEin Wiedersehen mit alten Feinden, das ist „Hexagon“. Feinde? Ja! Denn die Klangstrukturen, die Abby auf ihrem Erstlingswerk noch als Enemies bezeichnet hatten und die vorrangig den zweiten, eher sperrigen Teil des Albums beherrscht hatten, treten nun auf „Hexagon“ in den Vordergrund. Kompromisslos entfesseln dabei vier Songwriter eine ungeahnte Kraft, die den Hörer fordert, ihn zu zerreißen versucht, ihn aber auch belohnt, wenn er sich den Strapazen der auf ihn wartenden Songs mutig entgegengestellt. Abby sind keine gefälligen Marionetten der Industrie, auch nicht, wenn sie bei einem Majorlabel wie Universal unter Vertrag stehen mögen. Bedacht und gleichzeitig von einer unersättlichen Gier getrieben, heizen sie innerhalb der zwölf neuen Stücke ihrer eigenen Experimentierfreude gehörig ein. Als Katalysator dient dabei, neben Klassik und psychedelisch gefärbtem Rock, vor allem beatlastiger Techno, der regelmäßig aus den Clubs der Hauptstadt hinaus in die Abendluft dringt. Eine wirklich spannende Fusion unterschiedlichster Einflüsse, die auch dem Ansatz Abbys zu verdanken ist, jedem einzelnen Bandmitglied innerhalb der Produktion der neuen Platte seinen eigenen Raum zur Entfaltung einzugestehen. „Hexagon“ birgt zahlreiche Kostbarkeiten. Mit jedem Durchlauf lernt man deren Wert umso mehr zu schätzen und erfreut sich an Tracks wie „Time Is Golden“, dem Metamorphosen durchlaufenden „Halo“ oder dem sanft verklingenden „Island“. Kein einziger Titel scheint überflüssig. Während das in Kooperation mit Pan-Pot entstandene „Birth“ drohend flimmert, wirft „Friendly Fire“ mächtige Schatten an die Wände und der Opener „Hush“ glänzt wie ein tief in der Erde verborgener Kristallstollen. Was kann man mehr erwarten?
Als Produkt der Reflexion über sich selbst und ihre auditiven Visionen ist „Hexagon“ an die Erkenntnis Abbys geknüpft, dass man seinem Herzen folgen muss, um aufrichtige Kunst erschaffen zu können. Chapeau!

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