REVIEW: Phoria „Volition“

PhoriaManchmal ist es mit der Musik wie mit dem Verliebtsein. Man hört einen Track und muss danach immerzu an ihn denken, sofern er nicht gerade eh wieder in Dauerschleife aus der Anlage dröhnt. Begleitet wird ein jeder Abspieldurchlauf dabei von sprudelnden Endorphinen im Gehirn und einem Gefühl im Bauch, als würde man beim Schaukeln ein Stück zu hoch in die Luft fliegen. Seit unsere Redaktion zum ersten Mal in den Genuss kam, einen Song der Band Phoria zu hören, sind wir regelmäßig wie benebelt und können gar nicht genug davon kriegen, den Klängen des aus Brighton stammenden Quintetts zu lauschen. Obwohl Sänger Trewin Howard und seine Kollegen äußerlich vielleicht den Anschein machen mögen, als handele es sich bei ihnen um eine weitere gehypte Newcomerband, die auf Rotzigkeit und Schlagkraft setzt, um auf sich aufmerksam zu machen, zeichnet sich der Großteil ihrer Sounds stattdessen durch eine sensible Fragilität aus. Dass sie darüber hinaus aber auch ganz anders können, beweisen Phoria, wenn sie die Regler ihrer Synthesizer bis zum Anschlag aufdrehen, um so die opulente Kraft ihrer Kompositionen zu enthüllen. Das Wechselspiel zwischen Zaghaftigkeit und tonaler Üppigkeit wurde im Laufe ihrer drei EP-Releases zum Markenzeichen Phorias und macht sie aus unserer Sicht zu einer echten Rarität im Bereich der elektronischen Musik.

VolitionNach „Yourself Still“ (2010), „Bloodworks“ (2013) und „Display“ (2014) erscheint heute Phorias erster Longplayer – hierzulande auf dem Label Humming Records. „Volition“ ist ein Gesamtkunstwerk aller erster Güte. Angefangen bei dem stilvollen Cover, das eine nackte, in ein Drahtkonstrukt gehüllte Frau zeigt, begeistert das Album durch seine schlichte Eleganz und gleichzeitig mächtige Präsenz, die es wie eine glühende Aura umgibt. Schon das Eröffnungsstück „Melatonin“, mit dessen Veröffentlichung Phoria „Volition“ im letzten Jahr ankündigten, spiegelt die Spannungsfähigkeit der Platte wieder. Der Song erstrahlt wie gleißendes Morgenlicht und entsendet einen Schwall kaum zu verarbeitender positiver Energien, bis der Folgetrack „Red“ schließlich melancholischere Töne anschlägt. „Red“ ist, genauso wie „Undone“ und „Emanate“, ein Relikt aus vergangenen Zeiten der Band. Trotz oder gerade wegen ihrer Bekanntheit fungieren aber genau diese Stücke als Schlüsselmomente auf „Volition“ und bieten einen Anker in der Flut aus neuen Songs. Sie lassen dem Hörer Zeit, das Erlebte zu reflektieren und sich für das bereit zu machen, was ihm im Anschluss noch begegnen wird – wie eine Rast bei alten Bekannten auf einer unbekannten Reise ins Abenteuer. Zudem gliedern sich die Titel harmonisch in das Gesamtgefüge von „Volition“ ein und verdeutlichen, dass ihnen kein Haltbarkeitsdatum anhaftet. Generell wirkt das komplette Album zeitlos, auch, weil es sich von gängigen Ästhetiken löst und seinen ganz eigenen Weg zu finden versucht. Geführt von Howards interessanter Stimme und der einzigartigen melodiösen Kulisse wird Phorias „Volition“ zu einem der spannendsten Debütalben des Jahres.

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