REVIEW: The New Pornographers „Whiteout Conditions“

Für viele bedeuten Familienfeste Stress. Dass diese oft aber auch die einzige Möglichkeit darstellen, die ganze Sippschaft, sprich die Menschen, die durch Blut und Liebe mit einem verbunden sind, zusammenzuführen, das wird oft ignoriert. Es scheint fast so, als gehöre es zum guten Ton, sich nicht auf die eigene Verwandtschaft einlassen zu wollen. Schade, wenn man bedenkt, wie rar die Gelegenheiten sind, Großeltern, Onkels, Tanten und Co. zu treffen. Allan Carl Newman, Mastermind hinter der Supergroup The New Pornographers, kennt die Organisations- und Logistikprobleme, die daran gebunden sind, mehrere Individuen gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen. Als Initiator und Gründer der kanadischen Band obliegt es meist ihm, die gesamte Truppe zusammenzutrommeln, sobald die Produktion eines neuen Albums ansteht. Vor allem ein Sorgenkind lässt dem 48-Jährigen dabei oft keine Ruhe: Neko Case. In einem Interview beklagte Newman einst, dass er nie wisse, ob sie am Ende hinter dem Mikro stehen würde oder nicht. Schließlich sei ihr Kalender derart vollgestopft mit Soloterminen, dass sie sich ganz bewusst lossagen müsse, um ins Studio zu ihren Kollegen zu reisen. Für die Fertigstellung von „Whiteout Conditions“ scheint sich Case allerdings gleich mehrere Tage am Stück geblockt zu haben, weshalb ihre Stimme die Platte durchzieht, wie es auf den Alben der New Pornographers bisher nur selten der Fall gewesen ist. Das siebente Werk der Formation hält darüber hinaus aber auch noch ein paar andere Überraschungen bereit.

Mehr denn je besinnen sich The New Pornographers auf „Whiteout Conditions“ auf ihre Vereintheit und klingen dadurch vital und frisch wie zu Beginn ihrer Karriere vor fast zwei Dekaden. Das beginnt schon beim Opener „Play Money“, der vor Energie nur so strotzt. Balladen wie „Challengers“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahre 2007 oder „The Bleeding Heart Show“, das sich auf „Twin Cinema“ (2005) finden lässt, sucht man hingegen auf „Whiteout Conditions“ vergebens. Stattdessen ist Tempo auf allen Ebenen angesagt. Man könnte beinahe meinen, es handele sich bei der Platte um das Debüt von ein paar ambitionierten Newcomern, die noch voller Optimismus in die Zukunft schauen. Dabei stecken die Bandmitglieder im Durchschnitt alle in den Vierzigern. Nach ausgedehnten Experimenten mit elektronischen Einflüssen auf vielen der Vorgängeralben, besticht „Whiteout Conditions“ durch seine klare Akzentuierung hin zu Rocksounds, Gitarrensolos und Schlagzeugbeats – wenngleich Synthesizer und Co noch immer als Tüpfelchen auf den is der Tracks fungieren. Trotz der vielen Impulse, die jeder einzelne partizipierende Musiker allein aufgrund seiner eigenen Projekte mit in die Waagschale warf, klingt „Whiteout Conditions“ von der ersten bis zur letzten Note sehr homogen. Ein bewusste Entscheidung, die Newman bereits auf „Brill Bruises“ zelebrierte, nachdem andere LPs der New Pornographers eher durch ihre musikalischen Brüche bestachen. Raum für Individualität bleibt neben Chorgesängen und der wiedergefundenen Freude, als geschlossene Gemeinschaft aufzutreten, trotzdem. Und so wechseln sich die Stimmen in den Leadvocals und die verwendeten Instrumente auf „Whiteout Conditions“ ab, wie Regen, Sonne und Wolken im April, dem Veröffentlichungsmonat des Albums. Rasant und ungebremst dürfte die Platte das Herz eines jeden Indierock-Liebhabers wie im Sturm erobern.

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