REVIEW: Camille „Ouï“

Es ist noch nicht lange her, da gelangten wir anhand von Veröffentlichungen Mélanie Pains, Liset Aleas und The Living Gods Of Haitis zu der Erkenntnis, dass diese Künstlerinnen allesamt ein einziger Knotenpunkt verbindet: Marc Collin. Sein Händchen für talentierte Sängerinnen, die er bevorzugt in seiner Coverband Nouvelle Vague unterbringt, ist legendär. Auf dem selbstbetitelten Debütalbum „Nouvelle Vague“ war es unter anderem Camille, deren Stimme einige der bekanntesten Titel der New Wave-Ära zu neuem Leben erweckte. Und auch sie sollte es sein, deren Solo-Karriere sich in den darauffolgenden Jahren als die erfolgreichste unter den Nouvelle Vague-Gästen erweisen sollte. Bestechend war dabei Camilles Vorliebe für A-Capella-Loops, die sie als Basis ihrer Songs verwendete. Zwar kamen mit jeder neuen Platte zunehmend mehr echte Instrumente hinzu, doch blieb sich die 39-Jährige ihrem Stil im Grunde stets treu. Etablierung eines Markenzeichens nennt man das wohl. Camille zählt mittlerweile jedenfalls zu den erfolgreichsten Exportschlagern ihres Heimatslandes Frankreich, schrieb Musik für Animationsfilme wie Disneys „Ratatouille“ und teilte sich das Studio mit Größen wie Étienne Daho, David Byrne, Yael Naim oder Hans Zimmer.

„OUÏ“ ist nach „Le Sac des filles“ (2002), „Le Fil“ (2005), „Music Hole“ (2008) und „Ilo Veyou“ (2013) Camilles fünftes Studioalbum. Neun eigene und zwei traditionelle Stücke („Les Loups“ und „Twix“) geben sich darauf die Klinke in die Hand – wobei diese Redensart dem Geschick Camilles, die einzelnen Tracks durch ihre Kompositionsfertigkeiten sanft miteinander zu vernetzen, nicht wirklich gerecht wird. Der starken Präsenz ihrer Stimme ist es nämlich zu verdanken, dass die Songs teils recht konträre Wege einschlagen können, ohne an Zusammenhalt zu verlieren. Hinzukommt eine mystische Grundstimmung, deren Ursprung vermutlich in Camilles Entscheidung begründet ist, „OUÏ“ in einem Avignoner Kloster namens La Chartreuse aufzunehmen. Das Vermächtnis der heiligen Hallen haftet besonders Titeln wie „Sous Le Sable“ oder „Nuit Debout“ an, wohingegen „Fontaine de Lait“ sich beispielslos in der Schönheit der französischen Mundart ergießt, für die Camille nur allzu gern ihre Flagge hochhält. Mit „OUÏ“  ist ein Album entstanden, das Jazz, Folklore, Pop und Soul miteinander fusionieren lässt, als wäre das eine ganz alltägliche Aufgabe. Übersinnlich, aber nicht abgehoben, leidenschaftlich, aber nicht erdrückend, mutig, aber nicht unreflektiert dürfte es bei vielen kritischen Hörern Anklang finden.

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