REVIEW: Suuns „The Witness“

Stecker gezogen: Suuns erfinden sich auf „The Witness“ einmal komplett neu.

Man kann natürlich mit dem Strom schwimmen und es sich in der eigenen Komfortzone gemütlich machen. Daran ist nichts verwerflich. Es ist ein arteigenes Bedürfnis des Menschen, Verlässlichkeiten im Leben zu installieren. Quasi Felsen in die Brandung des oft unberechenbaren Alltags zu werfen. Doch gibt es eben auch jene unter uns, denen das nicht ausreicht. Die den Nervenkitzel spüren und wissen wollen, was passiert, wenn man zu unbekannten Horizonten aufbricht. Suuns, das Projekt der Kanadier Ben Shemie, Liam O’Neill und Joseph Yarmush, steht exemplarisch für die Lust auf mehr. Mehr Abenteuer, mehr Irritation, mehr von allem. „The Witness“, Album Nummer vier, fungiert im wahrsten Sinne des Wortes als Zeuge dafür, dass diese Band sich selbst manchmal nicht genug ist. Dass es dann und wann Druck und Reibung braucht, um Diamanten zu erschaffen. Erst in der Auseinandersetzung, im sich nicht immer einig sein, entstehen Funken, die Brandfeuer zu entfachen vermögen. Und ein solches ist „The Witness“ beileibe, trotz des eher ruhigen, für Suuns untypischen Grundton, der nur selten zu jener unbändigen Massivität heranwächst, die die Vorgänger-LPs beherrschte. Nachdem sich das ehemalige Bandmitglied Max Henry von seinen Kollegen verabschiedet hatte und Shemie von Montreal nach Paris gezogen war, brauchte es einen Neustart. Dass dieser definitiv gelungen ist, beweist die fiebrig-klebrige Atmosphäre von „The Witness“. Die Songs perlen von jedweder Eingängigkeit ab, wie Kondenswasser von den Scheiben eines Tropenhauses. Genauso schwül und hitzig, wie in besagtem Refugium für exotische Pflanzen, geht es auch innerhalb der acht Songs zu. Entschleunigt präsentieren Suuns eine dekonstruierte Version ihrer früheren Soundästhetik. Statt Drama gibt es Pathos. Statt noise-lastigem Electro einen berauschten Psychrock. Dieser Metamorphose zuzuhören macht nicht nur Spaß, man fühlt sich auch beflügelt, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen oder gar zu durchbrechen. Wenngleich sich das im ersten Moment anfühlt, als versuche man einen Sprint in Treibsand hinzulegen.

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