INTERVIEW: Leslie Clio

Wer, wen nicht Leslie Clio hat das Zeug dazu, die Musikwelt aufzurütteln? Sie ein wenig ins Schwanken zu bringen und aus ihrer eingerosteten Verankerung zu lösen. Die gebürtige Hamburgerin meckert nicht einfach tatenlos vor sich hin, sie packt die Dinge beim Schopfe. Und das tut sie mit der nötigen Erfahrung. Hat sie doch sowohl die Sternstunden als auch Einsamkeit des Business kennenlernen dürfen. Wir unterhielten uns mit ihr über das am Freitag erscheinende neue Album „Brave New Woman“ und die damit verknüpfte Botschaft.

Liebe Leslie, es heißt, du würdest Soul-Pop machen. Was verstehst du persönlich darunter und wodurch kennzeichnet sich dieses Mix-Genre deiner Meinung nach aus?

Ich habe meine Musik so bezeichnet, da sie eine Mischung aus hooky Popmusik und Soul ist. Sprich, sie ist radiotauglich, tanzbar, man kann mitsingen und sie bleibt im Kopf. Es sind Ohrwürmer, zugängliche Melodien für ein breites Publikum, aber trotzdem bediene ich mich alter Soul-Sounds. Beziehungsweise lege ich Wert auf analoge Instrumente und analoges Produzieren. Ich komme stimmlich aus dem Soul. Ob da jetzt jeder Song, den ich in meiner Karriere auf den letzten vier Alben veröffentlicht habe, in diese Kategorie fällt, weiß ich nicht genau. Aber es beschreibt mich als Musikerin ziemlich gut.

„Brave New Woman“ – ein Albumtitel wie eine Kampfansage. Was steckt dahinter?

Ja, Brave New Woman ist definitiv eine Kampfansage. Auf dem Album dreht sich alles um Self-Empowerment. Die Tatsache, seine Frau zu stehen, sich selbst treu zu bleiben, auf seine eigenen Stärken zu setzen, bei seinen Waffen zu bleiben und den Mut zu haben, auch als Frau Kante zu zeigen. Sich nicht unterkriegen zu lassen und sein Ding zu machen. Man ist erwachsen geworden und man weiß, wer man ist, was man kann und was man will. Man macht bedingungslos das Allerbeste aus seiner Situation und seinem Leben. Das alles zeichnet für mich eine Brave New Woman aus. 

Wie gleichberechtigt erlebst du Frauen und Männer innerhalb der Musikbranche?

Es ist immer noch ein krasses Ungleichgewicht, eine komplett männerdominierte Musikbranche, ein Business, das sehr wenig bis gar keine Diversität besitzt, was Frauen betrifft. Als klar war, dass ich mein Album selbst veröffentliche, habe ich mich entschieden, ein reines Frauenteam zusammenzustellen. Das sind alles Frauen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Es sind alles Frauen, die es satthaben, in einer männerdominierten Welt unterwegs zu sein. Der einzige Weg raus aus einer patriarchalen Sackgasse ist, Frauen einzustellen. Deswegen habe ich das gemacht. Das ist der kleine Beitrag, den ich leisten kann. 

Du hast eine Weile nach einem Plattenlabel gesucht und dich schlussendlich entschieden, ein eigenes zu gründen, um „Brave New Woman“ zu veröffentlichen. Welche Vorteile brachte das mit sich? Und warum kam es zuvor zu Ablehnungen?

Selbst zu veröffentlichen hat Vor- und Nachteile. Vorteile sind, dass man absolute Freiheiten hat, was die Kreativität betrifft. Man hat in allem die Entscheidungsgewalt. Natürlich hat es auch wirtschaftliche Vorteile, da mehr bei mir hängen bleibt, als wenn ich die Einnahmen mit einem Label teilen müsste. In Zeiten von Streaming, wo man mit der Veröffentlichung von Musik weniger Geld verdient als früher, ist das somit meist eine wirtschaftliche Entscheidung, ein eigenes Label zu gründen, damit man überhaupt ein bisschen Geld verdienen kann. Aber das ist ein eigenes Thema. Der größte Vorteil ist klar, dass man seine eigenen Visionen umsetzen kann. Warum es zu Ablehnungen kommt, ist eine große Frage. Man muss gucken, was der Marktwert einer Künstler:in ist. Das bedeutet, dass oftmals gar nicht mehr nach der Musik oder der Fähigkeit der Künstler:in entschieden wird. Und in Zeiten, wo wenig Geld mit Musik verdient werden kann, kommt es umso leichter zu Ablehnungen, was dann weniger mit einem selbst zu tun hat.

Kannst du Dinge benennen, die das Betreiben eines eigenen Labels manchmal erschweren und dich vielleicht sogar an deiner Entscheidung zweifeln lassen?

Ein eigenes Label zu führen, bringt viele Aufgaben, die man als Künstler:in bei einem Majorlabel nicht hat. Man muss Kalkulationen machen, Tabellen ausfüllen und ein Team aufbauen, das gewisse Arbeiten übernimmt. Zum Beispiel den ganzen Marketingbereich. Wie wird die Kampagne sein? Was sind unsere Pläne? Wann stecken wir wo wie viel Geld rein? Das sind Fragen, die ich mir vorher noch nicht gestellt habe und die ich jetzt komplett entscheiden muss. Hinzukommt Verwaltungsarbeit etc. Aber für mich ist das eine spannende Lernkurve. Mir geht es im Leben darum, dazu zu lernen und weiterzukommen. Deshalb ist das gerade ein spannender Prozess für mich. 

Gratulation zum Sound von „Brave New Woman”! Die Songs klingen wunderbar fokussiert und auf den Punkt. Hast du eine Erklärung dafür?

Dankeschön! Die grundsätzliche Vision für das Album war die weiter oben genannte Thematik. Es geht nicht mehr um die Frage „Warum liebt er mich nicht?“ oder um Herzschmerz, sondern es geht um mich, wer ich jetzt bin und aus was ich entwachsen bin. Es richtet sich nach innen. Das habe ich auch musikalisch so übersetzen wollen. Deswegen war für mich auch klar, dass meine Stimme im Vordergrund stehen muss und das, was ich mit ihr erzähle. Mein letztes Album war sehr collagiert. Da war total viel los musikalisch. Manche Stücke sind fünf Minuten lang, manche sieben und die Stimme gerät auch manchmal in den Hintergrund. Damit wollte ich komplett brechen. Die Idee war, mich musikalisch und thematisch auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich wollte Klarheit.

Wie, wann und in welchen Situationen bist du am kreativsten? Kannst du dem sprichwörtlichen Kuss der Muse irgendwie auf die Sprünge helfen?

Ich bin am kreativsten, wenn ich mich bewege. Ideen stecken in den Muskeln. Im Spazieren, im Schwimmen, aber auch beim Autofahren oder Zugfahren. Also wenn man den Kopf frei hat. Wenn man nicht so im Alltag untergeht, mit E-Mails, Messengern, Telefonaten und so weiter. Darum brauche ich jetzt, vor allem, wo ich ein eigenes Label habe, immer mal wieder Auszeiten von ein bis zwei Monaten. Ich glaube, Melodien kommen aus dem Universum zu einem. Sie besuchen einen und dafür muss man empfänglich sein. Das geht nur, wenn man Ruhe schafft und Raum.

Vier Alben, das ist definitiv eine beachtliche Menge! Wenn du die Platten miteinander in Bezug setzt, was verbindet sie?

Was sie alle verbindet, ist meine Lebensgeschichte, die sie erzählen. Mein Weitermachen, meine Lebenslust, meine Neugier. Die ist mein größter Antrieb. In allen Alben stecke ich. Es bringt nichts, sich zu vergleichen. Es bringt auch nichts, immer nur zu gucken, was andere machen. Was sie schneller erreicht haben oder besser können als man selbst. Man muss bei sich bleiben. Jeder hat seine eigene, individuelle Geschichte. No one is you and that’s your power! Mein Weg, meine Kindheit, meine Erfahrung bis hin zu meinem persönlichen Geschmack sind total individuell. Das Tolle daran, Künstlerin zu sein, ist, dass ich Bildern immer wieder eine Stimme geben kann. Im besten Fall fühlen sich davon andere Menschen inspiriert und können sich vielleicht sogar empowert fühlen.

Es gibt immer wieder kritische Stimmen, die sagen, dass das Album als Format tot sei. Welche Gegenargumente hast du?

Ja, da sind die Sicht der Konsument:innen oder auch der Industrie und dann die der Künstler:innen. Ich habe Lebensabschnitte, die ich in einzelnen Kapiteln erzähle, den Alben. Zwar reist ein Song oder eine Single manchmal weiter als andere Songs einer Platte, aber das macht sie nicht weniger wichtig, den sie sind alle miteinander verbunden. Wenn ein Album ein Eisberg ist und eine Single die Bergspitze, die überm Wasser hervorlugt, braucht sie trotzdem den Rest des Eisbergs unter Wasser, um stattfinden zu können. Macht das Sinn? Nur noch Songs zu veröffentlichen, könnte meine Lebensphasen nicht so widerspiegeln, wie es ein zusammenhängendes Album tut. 

Du warst Teil der erfolgreichen Vox-Show „Sing meinen Song“, warst für einen Echo nominiert und bist doch im Independent-Bereich verwurzelt.

Ich bezeichne mich immer als Mainstream-Outlaw. Ich mache gerne in den Mainstream-Formaten mit, möchte für eine breite Masse Musik machen und vor großem Publikum auftreten und will mir dennoch meine Unabhängigkeit und meine künstlerische Freiheit bewahren. Mir selbst treu bleiben. Da sind wir wieder ein Stück weit beim Thema Diversität. Es sollte nicht nur den Typ Helene Fischer oder Sarah Connor im Mainstream geben. Das liebe Mädchen mit der Gitarre, die lächelnde Frau im schönen Kleid. Man soll als Frau auch Kante zeigen dürfen. Dafür möchte ich stehen.

Wenn Corona uns keinen Strich durch die Rechnung macht, kann man Leslie Clio in diesem Frühling in verschiedenen Städten live erleben.

30.03. Leipzig – Kupfersaal
31.03. Stuttgart – Im Wizemann
01.04. München – Hansa 39
03.04. Berlin – Columbia-Theater
04.04. Hamburg – Mojo
05.04. Köln – Stadtgarten
06.04. Mainz – Frankfurter Hof 

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