INTERVIEW: Stars

Die Veröffentlichung eines neuen Stars-Albums steht vor der Tür! „From Capleton Hill“ schafft es – wie bereits frühere Alben der Kanadier – Indierock und Electropop zu einer unzertrennlichen Einheit verschmelzen zu lassen. Gepaart mit Amy Millans und Torquil Campbells charakteristischen Stimmen entsteht so der perfekte Grund, sich mal wieder mit Haut und Haar in eine Platte zu verlieben. Wir blicken auf eine der beständigsten Bandkarrieren der letzten Jahrzehnte zurück und lassen uns von smarten Statements sowie lustigen Anekdoten aus den Erinnerungen Torquils in den Bann ziehen.

Hättet ihr vor zwanzig Jahren, als ihr eure Band gegründet habt, gedacht, dass ihr heute da stehen würdet, wo ihr steht? Was waren eure Erwartungen? Was davon hat sich erfüllt? Was hat euch überrascht? Fragen über Fragen!

Als wir anfingen, träumte ich nur davon, unsere Platte im Regal des Record Stores Other Music in New York zu sehen. Das war alles, was ich mir hätte vorstellen können. Was darüber hinaus passierte, war eine surreale Überraschung. Was mich überrascht hat? Dass wir zusammengeblieben sind und den Zusammenbruch der Musikbranche in ihrer alten Form, wo Künstler noch ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, überlebt haben. Ich bin dankbar, dass die Leute weiter zugehört haben, obwohl die Presse ihnen oft genug sagte, sie sollten damit aufhören.

Inwiefern passt euer Bandname auch heute noch zu euch?

Wir haben uns aus mehreren Gründen Stars genannt. Als ironischen Witz, denn seien wir ehrlich, wir sind es nicht. Aber auch als Tribut an Paddy McAloon von Prefab Sprout, der sagte, dass dies sein Lieblingswort sei. Und als eine Reflexion über Pop an sich. In unserer Welt bezieht sich das Wort Star (zu deutsch auch Stern) nicht nur auf den Kosmos, sondern auch auf Tom Cruise, Kim Kardashian und Weird Al Yankovic. Pop ist ebenso dumm wie tiefgründig. Genau wie das Wort Stars.

Im Gegensatz zu vielen anderen Bands seid ihr eurer Besetzung treugeblieben. Was ist euer Erfolgsrezept?

Scherze, Scherze, Scherze, Scherze, Scherze, Scherze. Und ich glaube, wir hatten Glück in dem Sinne, dass keiner von uns die Idee eines Endes mag. Chris und ich sind Freunde, seit wir acht Jahre alt waren. Evan und Amy sind verheiratet. Es gibt also Verbindungen, die über die Musik hinausgehen. 

Was inspiriert euch beim Schreiben und Komponieren?

Inspiration ist ein Wort, das wir verwenden, weil „Arbeit“ in einer Pressemitteilung nicht gut aussieht. Inspiration führt aber zu nichts, wenn sie nicht Arbeit auslöst. Wir kreieren unsere Songs gemeinsam. Jeder Titel wird von uns allen berührt. Es handelt sich nicht um einen Stars-Song, wenn das nicht passiert ist. Ich glaube, wir beginnen stets mit dem Sound. Welche Instrumente wollen wir verwenden? In was für einer Welt soll die Musik leben? Welche Platten wollen wir nachahmen? Das sind die ersten Fragen, die wir uns stellen. Ich für meinen Teil bin von einer bestimmten Art von Licht besessen. Halbes Licht, Dämmerung, dem Moment, wenn die Sonne untergeht. Viele meiner Ideen beginnen mit dem Motiv, dass die Nacht aufzieht und wir besser darauf vorbereitet sein sollten. 

Gibt es irgendwelche Geschichten, die du zum Aufnahmeprozess von „From Capelton Hill“ mit uns teilen würdest?

Einen großen Teil habe ich in einem Schuppen hinter dem Haus meiner Mutter geschrieben, in dem ich mit meiner Familie während des Lockdowns gelebt habe. Ich erinnere mich an das erste Mal, als wir wieder als Band zusammen waren, nachdem die harten Restriktionen aufgehoben wurden. Wir saßen in einem Kreis auf einem Feld auf dem Land. Damals dachte ich, dass wir vielleicht nie wieder in der Lage sein würden, zusammen in einem Raum zu sein. All diese Leute, mit denen ich mein Leben verbracht hatte, schauten mich an und ich fragte mich, ob ich sie je wieder umarmen würde. Seltsame Zeiten, man, seltsame Zeiten. 

Vergänglichkeit ist ein zentrales Motiv auf dem Album. Warum hat euch dieses Thema beschäftigt?

Was mir die Pandemie am meisten vor Augen geführt hat, ist, dass all die Pläne, die wir machen, die Dinge, die wir in unserem Leben für feststehend halten, verschwinden werden. Alles wird vergehen. Der Preis der Liebe ist der Verlust. Man muss loslassen, was man liebt, sich von denen verabschieden, die man liebt. Dinge ändern sich, aber auf dem Capelton Hill in North Hatley, Quebec, ist das nicht so. Zumindest für den Moment. Songs bieten diesen magischen Raum, in dem Erinnerungen bewahrt werden. Das ist das, was sie am besten können. Besser als zum Beispiel Fotos. 

Welche Hoffnungen kann „From Capelton Hill“ in einer Zeit schenken, in der in Europa der Krieg tobt, eine Pandemie die Menschheit erschüttert und die drohende Klimakrise ihren Schatten vorauswirft? 

Oh, ich weiß es nicht. Wir als Stars haben immer versucht, eine Band zu sein, die sich aus dem Leben der Leute heraushält und nur Soundtracks liefert. Wir alle leiden heutzutage. Das Internet hat unsere Welt verdorben. Es hat die Gemeinschaft, Sex, Politik, Kultur, Gespräche, das Reisen ruiniert und alles homogenisiert und korrumpiert. Wahrheit ist jetzt subjektiv. Aber Menschen sind immer noch sehr, sehr wundervolle Wesen. Und Musik ist das, was Menschen machen, um einander daran zu erinnern, dass wir Schönheit in uns tragen. Mehr können wir nicht tun.

In welcher Form (CD, digital, Vinyl, Kassette) veröffentlicht ihr am liebsten?

Vinyl! Das ist die einzige Form, die sich echt anfühlt. Wir veröffentlichen unsere Alben ökologisch nachhaltig mithilfe einer Initiative namens The Naked Record Club. Mission für die Zukunft muss sein, Musik auf die möglichst umweltfreundlichste Weise zu publizieren. Wenn man das nicht tut, wird man Teil des Problems.

Ihr habt mehr Live-Erfahrung als viele andere Bands. Worauf freut ihr euch am meisten, wenn ihr auf Tournee geht?

Es gibt nichts Magischeres, als morgens im Bus in einer fremden Stadt aufzuwachen, nach draußen zu treten und zu realisieren, dass irgendwo in der Nähe Menschen aufwachen, die sich darauf freuen, an diesem Abend auszugehen und dich spielen zu sehen. Das wird nie, nie alt werden. Als Tourist nach Berlin zu kommen, macht Spaß, hingegen als Künstler nach Berlin zu kommen, ist verdammt cool.

Hat sich das Touren im Laufe der Zeit verändert? Gibt es irgendeinen Komfort, den ihr euch jetzt leistet, den es früher nicht gab?

Das Touren nach der Pandemie ist unglaublich hart. Es ist teurer, es ist überfüllter, es ist unsicherer. Wir konzentrieren uns jetzt auf Orte, von denen wir wissen, dass die Leute uns sehen wollen. Die Zeiten, in denen wir versucht haben, beispielsweise St. Louis für uns zu gewinnen, sind vorbei. Wir müssen Kinder großziehen! Was den Luxus angeht, haben wir beschlossen, dass wir nie wieder ein Hotelzimmer teilen werden.

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