INTERVIEW: Sophie Ellis-Bextor

Sophie Ellis-Bextor hat in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur eine beachtliche Karriere aufgebaut, sie hat parallel dazu auch fünf Kinder erzogen. Wie sich Mutterschaft und Job vereinen lässt, wie sie mit ihrem neuen Album „HANA“ ihrem verstorbenen Stiefvater gedenkt und wie ihre Kindheit beeinflusst hat, wer sie heute ist, das alles verriet sie uns in einem äußert sympathischen Interview.

Sophie, „HANA“ ist bereits dein drittes Konzeptalbum, das von einem bestimmten Teil unseres Planeten inspiriert ist. Dieses Mal hast du dich vom Fernen Osten und insbesondere von Japan inspirieren lassen. Was hat dich an diesen Teilen der Erde fasziniert?

Das waren wirklich ein paar Dinge. Ich würde auch sagen, dass es nicht wörtlich zu nehmen ist. Es ist eine Art Traumvorstellung von einem Ort. Ursprünglich war es ziemlich einfach. Ich wollte nämlich schon immer dorthin. Als Ed und ich dann mit dem Schreiben anfingen, passierte etwas Bedeutsames. Meine Mutter sollte ursprünglich mit meinem Stiefvater nach Japan fahren und meinen ältesten Sohn mitnehmen, aber schließlich war mein Stiefvater zu krank, um zu fahren. Also bin ich mit. Ich war wirklich aufgeregt. Aber es war auch eine Schande, dass John uns nicht begleiten konnte. Er bereitete schlussendlich die Reiseroute für uns vor. Ich schrieb einige Songs, zum Beispiel ein Stück namens „Tokyo“, bevor ich überhaupt dort war. Er war als eine Art Vorstellung gedacht, wie die Reise aussehen könnte. Ja, genau. Und es gibt eine Zeile in dem Song, in der es darum geht, sich vor dem Regen zu schützen, denn die Vorhersage sagte Regen für einen Großteil der Reise voraus. Wie sich herausstellte, regnete es nicht, als wir dort waren, aber ich habe versucht, es mir irgendwie vorzustellen. Und dann kamen wir zurück. Wir hatten eine tolle Reise. Anschließend wurden wir landesweit abgeschottet, aufgrund der Pandemie. Innerhalb weniger Monate starb mein Stiefvater und die Welt war aus den Fugen geraten. Es hat lange gedauert, dieses Album fertigzustellen. Es handelt von der Sehnsucht nach Abenteuern und von Trauer. Wie das Vermächtnis einer Beziehung zu jemandem, den man liebt. Das Leben vergeht sehr schnell.

Never change a winning team! Du hast bereits erwähnt, dass Du erneut mit Ed Harcourt zusammengearbeitet hast. Was macht eure Kollaboration so erfolgreich?

Ich denke, ein Teil geht darauf zurück, dass wir Freunde sind. Wir genießen die Gesellschaft des anderen und wir verbringen viel Zeit mit Lachen. Außerdem haben wir eine sehr ähnliche Arbeitsweise. Als wir anfingen, gemeinsam an „Wanderlust“ zu arbeiten, wussten wir noch nicht, dass wir ein Album machen würden. Das war 2014. Ich wollte einfach etwas Neues ausprobieren. Wir gingen also nur zum Spaß ins Studio und ich fragte mich: Was ist etwas, das man im Dance-Pop-Genre generell eher nicht machen würde? Ein Walzer! So entstand „Love Is A Camera“. Wirklich ungewöhnlich, aber es gefiel mir sehr. Ich wollte mehr! Ed ermutigt mich, verspielter und schrulliger zu sein. Er würde mich nie ausbremsen.

Die Songs auf „HANA“ erinnern stilistisch teilweise an deine ersten Alben.

Das denke ich auch. Es gibt einige Texte, die ein bisschen wie Songs auf „Read My Lips“ und „Trip The Light Fantastic“ daherkommen. Manches ist ziemlich poppig, aber auch mit einer gewissen Indie-Sensibilität. Das ist auch die Richtung, die ich am liebsten einschlage. Nicht nur Disco. 

Lass uns zu deinem Konzert im März in Berlin kommen, denn es war deine erste Headliner-Show in der Stadt seit 20 Jahren.

Berlin war eine meiner Lieblingsshows auf der ganzen Tour, um ehrlich zu sein. Wirklich ein cooler Veranstaltungsort. Ich mochte, wie der Raum gestaltet war, denn ich konnte wirklich jeden sehen. Und dann gab es diesen kleinen Balkon, auf dem ich ebenfalls singen konnte. Leider ging es mir zuvor nicht gut, da ich erkältet gewesen bin. Aber als ich in Berlin ankam, war das der erste Abend, an dem ich „Breaking The Circle“ wieder performen und generell etwas übertreiben konnte. Das Publikum war großartig und Berlin ist so eine tolle Stadt. Ich bin den ganzen Tag herumgelaufen und hatte Zeit für mich.

Woran lag es, dass du so lange gebraucht hast, zurückzukommen? Vielleicht daran, dass du Mutter geworden bist und fünf Kinder bekommen hast?

Den Kindern kann ich die Schuld nicht geben. Ich glaube, es ist einfach so, dass ich immer dorthin gegangen bin, wo es eine Dynamik gab. Eine Zeitlang hat es – aus welchen Gründen auch immer – nicht so viel Sinn gemacht, Tourneen zu planen. Irgendwie ironisch, dass ich jetzt in der Lage bin, auf Tour zu gehen, denn viele andere Künstler haben wirklich zu kämpfen. Ich habe mich immer gefreut, wenn Leute zu meinen Shows kamen. Aber ich glaube, dass ich es jetzt mehr denn je zu schätzen weiß, dass jeder Einzelne sich eine Karte besorgt. Vor allem bei der „Kitchen Disco“-Tour geht darum, zusammen zu sein und eine Party zu veranstalten. Wenn ich die Leute ein bisschen in Schwung bringen kann, dann fühle ich mich richtig gut.

Vermisst du als Mutter von fünf Söhnen manchmal weibliche Unterstützung?

Nicht wirklich. Ich möchte meine Jungs ermutigen, sich so zu fühlen, wie sie sind. Sie tragen auch eine weibliche Energie in sich. Außerdem denke ich immer, egal wie viele Jungen oder Mädchen ich habe, ich werde immer die einzige Mutter sein. Und ich sorge dafür, dass meine Jungs viele tolle Frauen um sich haben. Sie sind ziemlich verwöhnt, wenn es um gute weibliche Vorbilder geht. Man hat einfach die Kinder, die man hat. Das Erste, was ich über sie wusste, war, dass sie Jungs sind. Aber dann habe ich herausgefunden, wer wirklich dahintersteckt. Kann man sich eine andere Familie vorstellen als die, die man hat? 

Für viele bist du ein Vorbild, wenn es darum geht, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Gibt es dennoch Momente, in denen dir dies schwerfällt?

Ja, absolut. Das ist auch der Grund, warum ich einen Podcast über dieses Thema gestartet habe. Aus einem ziemlich egoistischen Grund heraus. Ich wollte mich beruhigen und verstehen, wie andere Leute darüber denken, denn es ist definitiv eine Herausforderung. Ich liebe meine Arbeit wirklich sehr. Es kam mir nie in den Sinn, damit aufzuhören, aber ich möchte auch, und das ist das Wichtigste, eine gute Mutter sein. Deshalb ist es manchmal schwer, sich die Erlaubnis zu geben, sich durch die Arbeit erfüllt zu fühlen, wenn das bedeutet, dass man nicht immer zuhause sein kann. Schuldgefühle spielen oft eine Rolle. Mein ältester Sohn wird dieses Wochenende 19 Jahre alt. Nach zwei Jahrzehnten der Mutterschaft, weiß ich aber, was mir und meinen Kindern guttut.

Dein Bruder Jackson und dein Mann Richard sind Teil deiner Liveband. Ist dir das wichtig?

Ich liebe das! Richard und ich haben uns auf diese Weise kennengelernt, nämlich als er in meiner ersten Band war. Bei dem Gig, den ich vor 20 Jahren in Berlin gespielt habe, war er übrigens auch dabei. Mir gefällt, dass wir solche Momente teilen können. Wenn ich von der Bühne komme, und da sind mein Bruder und mein Mann, das schweißt zusammen. Richard ist generell in alles sehr involviert. Ich kann mir also nicht vorstellen, wie es anders wäre. Er war immer so ermutigend und unterstützend.

Unterstützung gibt es auch von deiner Mutter Jane, die sich kürzlich dazu äußerte, dass du kein klassisches Nepo-Baby, also jemand, der hauptsächlich vom Ruhm und den Beziehungen seiner Eltern profitiere, seist. Wie stehst du zu dieser Debatte?

Es ist seltsam. Ich glaube, meine Mutter war einfach nur etwas schnippisch, weil sie danach gefragt wurde. Es ist ein Begriff, an dem sich die Geister scheiden, denn wenn man mal darüber nachdenkt, hat jeder, der irgendetwas tut, seine Lebensumstände mit auf den Weg bekommen, egal, was es ist. Schlussendlich ist es ein Begriff aus der Boulevardpresse, der nur dazu da ist, berichtenswerte Reaktionen zu provozieren.

Was denkst du darüber, wenn einer deiner Söhne ebenfalls in die Entertainment-Branche gehen wollen würde?

Hum, ich weiß es nicht. Ich wäre wirklich überrascht, wenn keiner von ihnen irgendeine Art von Beziehung zur Musik erforschen würde. Da sie andererseits stark vom Business umgeben sind, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie in entgegengesetzte Richtungen gehen könnten. Ich bin damit aufgewachsen, dass meine Eltern beim Fernsehen gearbeitet haben, und ich dachte mir, dass ich keinesfalls in der Produktion und beim Fernsehen arbeiten möchte. Also habe ich etwas gemacht, das mein eigenes Ding war. Vielleicht habe ich meine Kinder ebenfalls abgeschreckt. (lacht) Wir werden sehen! Eventuell folgt mir einer der Kleinen. Das würde mich jedenfalls stolz machen.

Während der Lockdowns und der damit verbundenen virtuellen „Kitchen Disco“-Shows hast du deine Fans förmlich in dein Wohnzimmer eingeladen. Generell teilst du auch bei Social Media private Momente. Was gefällt dir daran?

Nun, bei den Discos war es eine sehr instinktive Sache, um ehrlich zu sein, weil ich vorher nicht im Traum daran gedacht hätte, irgendetwas in meinem Haus zu machen. Aber wenn man sich in einer globalen Pandemie befindet, ist plötzlich vieles möglich. Ich lasse mich gern von meinem Herzen leiten lassen. Es war Richards Idee, das erste Video zu machen. Und ich dachte zuerst, dass das absolut verrückt klingt. Trotzdem wollte ich es versuchen. Als wir dann anfingen, daraus eine echte Gemeinschaft zu bilden, fühlte es sich besonders an. Was die anderen Sachen angeht, ich bin nicht super offen und habe auch nicht das Gefühl, dass alles, was ich mache, veröffentlicht werden muss. Gleichzeitig bin ich aber entspannt und versuchte nicht, irgendetwas zu verstecken. Ich folge da einfach meinem Instinkt. Jeder hat wahrscheinlich ein ganz persönliches Verhältnis zu dem, was er online teilt, aber auch zu dem, was er mit einem Fremden teilen würde, mit jemandem, neben dem man beim Abendessen sitzt, mit jemandem, den man an der Bushaltestelle sieht, und so weiter. Wir sind alle unterschiedlich.

Du bist reich mit Talenten gesegnet. Neben deiner Musikkarriere hast du eine Radioshow beim BBC und betreibst den zuvor erwähnten Podcast „Spinning Plates with Sophie Ellis-Bextor“. Stellt das einen guten Ausgleich für dich dar?

Tatsächlich! Der Podcast nimmt wahrscheinlich ziemlich viel Platz in meinem Kopf in Anspruch, weil ich alle meine Gäste selbst buche. Und dann will man natürlich zu jedem, mit dem man spricht, recherchieren. Ich versuche wirklich mein Bestes, um ein Gespräch zu führen, von dem ich denke, dass es sich für die Person, die zu mir kommt, und für die Leute, die es hören wollen, lohnenswert ist. Oft spreche ich mit Leuten, die ein so außergewöhnliches Leben führen. Es ist ein absolutes Privileg, mit jemandem zusammenzusitzen, von dem man glaubt, dass er Unglaubliches leistet. Deswegen mache ich das auch immer wieder, auch, wenn es viel Arbeit bedeutet. Die Radioshow hat mir geholfen, einige neue Fähigkeiten zu lernen. Und ich kann Party-Songs auflegen! Das Radio als Medium habe ich schon immer geliebt. Es ist also schön, das für mich zu erforschen. Aufregend!

Da du Journalisten-Kollegin bist, wäre es spannend zu erfahren, welche Frage du Sophie Ellis-Bextor stellen würdest.

Wahrscheinlich wäre es etwas wie „Inwiefern war deine Kindheit die treibende Kraft dafür, wie du als Erwachsener bist?“. Denn das ist wirklich faszinierend, nicht wahr? Wie viel durch die Zeit, wenn man vielleicht zehn Jahre alt ist oder jünger, bestimmt wird. Zum Beispiel, was die Art und Weise angeht, wie man an Dinge herangeht. Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich diese Stränge. Teile in mir, die mich widerstandsfähig machen. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich das einzige Kind in einer Ehe war, in der sich meine Eltern trennten, als ich erst vier war. Dadurch erlangte ich eine Art emotionale Robustheit, die wahrscheinlich ein guter Begleiter für mich war. Bei dem, was ich tue, muss man ordentlich mit seinen Emotionen umgehen und sie nach außen zeigen können. Vermutlich ist meine Vergangenheit auch dafür verantwortlich, dass ich so viele Kinder bekommen habe. Denn als mein Halbbruder geboren wurde, war ich acht Jahre alt, und ich war besessen von ihm. Das hat die Vorstellung, dass mit neuem Leben gute Dinge verbunden sind, fest verankert. Außerdem war da früher auch viel Kreativität. Mein Vater hat mir immer Musik vorgespielt und meine Mutter hat mitgesungen.

Danke, Sophie. Das war eine wirklich gute letzte Frage!

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