Abstand machte es möglich: Auf „I Inside the Old Year Dying“ hat PJ Harvey ihre Liebe zur Schlichtheit des Musikmachens wiederentdeckt.
Ihre letzten Alben „Let England Shake“ (2011) und „The Hope Six Demolition Project“ (2016) hatte Polly Jean Harvey genutzt, um auf Kriege, politische Bizarrerien und Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen. Themen, die, selbst wenn man sie nur zu durchdenken versucht, einen Ballast für Herz und Verstand darstellen. Zunehmend spürte die gebürtige Dorseterin, wie sich eine Schwere in ihrer Seele breitmachte. Sie war müde und kraftlos geworden. Auch, weil der stetige Zyklus des Songschreibens und -produzierens und das darauffolgende Touren und Konzerte spielen langsam aber sicher all ihre Energiereserven aufgebraucht hatte. Nachdem sie bereits in Betracht zog, das Ende ihrer Karriere einzuläuten, fand sie schlussendlich zu einer wichtigen Erkenntnis zurück: „Du musst darüber nachdenken, was du liebst. Du liebst Worte, du liebst Bilder und du liebst Musik.“ Also setzte sich die hochgelobte Ikone des Alternative-Genres ans Klavier und ließ sich von diesem durch bekannte und fremde Klangwelten führen. Ihr zehntes Studioalbum „I Inside the Old Year Dying“ kombiniert unterschiedlichste Einflüsse aus PJ Harveys reich gefülltem Backkatalog mit neuen kreativen Impulsen. Von der kühlen Ästhetik des 2007er „White Chalk“ über rockige Einflüsse à la „To Bring You My Love“ (1995) bis hin zu progressiven frischen Ideen. Manchmal klingt es fast, als höre man eine weibliche Version von Thom Yorke durchschimmern (z.B. bei „I Inside the Old I Dying“). In Zeiten, in denen Krisen unmittelbar vor der Haustür stehen – ja, vielerorts sogar die Schwelle überquert haben – soll die Platte den Zuhörenden einen sicheren Zufluchtsort offerieren. Einen Raum, in dem Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen dürfen, während die Welt draußen tobt. Dass diese Rechnung aufgeht, ist dem gnadenlosen Talent der 53-Jährigen – im Speziellen ihrem Gespür für kluge Texte und eindringliche Melodien – zu verdanken. „I Inside the Old Year Dying“ ist vertonte Poesie! Und das auch ohne, dass ein thematisch ausgeklügeltes Konzept die einzelnen Stücke miteinander verbindet.


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