REVIEW: Beyoncé „COWBOY CARTER“

Millionen Streams in den ersten Stunden nach Veröffentlichung zeigen: Beyoncés „COWBOY CARTER“ hat höchste gesellschaftliche Relevanz. Zu Recht!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ist NICHT das beste Album aller Zeiten, nicht einmal des Jahres! Es hat Schwächen und Makel. Es wirkt manchmal beliebig, manchmal überproduziert. Es ist aufgeblasen und wuchtig. Es droppt bewusst große Namen, wählt mit Kalkül Genreklassiker aus, um sich mit deren Hilfe großspurig in Szene zu setzen, und biedert sich hier und da auch den Erwartungen der Fans an. ABER: Es ist ein mutiges Statement, das unsere Welt so dringend braucht – und das auch noch Spaß beim Zuhören macht. Beyoncé hat es wieder einmal geschafft, all den alten weißen Cismännern, die das Durchsetzen ihres Willens als Geburtsrecht betrachten, einen gehörigen Dämpfer zu verpassen. Gleichzeitig gibt sie den unterschiedlichsten unterdrückten Gruppen Hoffnung, dass die Zukunft inklusiver, gerechter und weniger von Unterdrückung geprägt sein könnte, als es derzeit den Anschein macht. Das allein verdient Respekt und Beifall. Anmerkung: Hier schreibt ein weißer Cismann. Aber immerhin einer, der sich seiner Privilegien bewusst ist. Zurück zum Album: Furchtlos greift die gebürtige Texanerin mit „COWBOY CARTER“ nach dem heiligen Gral der amerikanischen Kulturgeschichte und macht deutlich, dass dieser keineswegs einer bestimmten Ethnie oder einem bestimmten Geschlecht vorbehalten ist. Denn anders als uns verzerrte kollektive Erinnerungen glauben machen wollen, war jeder vierte Cowboy schwarz und auch Frauen fungierten als Kuhhirtinnen. Die 42-Jährige eignet sich also – entgegen kritischer, bevorzugt rechtspopulistischer Stimmen – nichts an, wenn sie eine von Bluegrass, Country und Folk geprägte Platte veröffentlicht. Sie beruft sich lediglich auf ihre soziale DNA als weibliche Amerikanerin – die zudem der Black Community angehört – und füllt wichtige Lücken in der Geschichtsschreibung. Und das nicht mit einem, sondern gleich mit mehreren Knallen. „COWBOY CARTER“ wartet mit einem Genre-Mix auf, der wilder als jeder Westen ist. Das ehemalige Schicksalskind (Destiny’s Child) verbindet beherzt traditionell geprägte Soundstrukturen mit Einflüssen aus Pop, R’n’B, Hip-Hop, Soul oder Flamenco. Doch verliert sie sich dabei tatsächlich ein wenig und sprengt jede Form. Denn was man Beyoncé in ihrem Schaffensrausch durchaus vorwerfen kann, ist, dass bei einem Umfang von 27 Titeln – auch wenn sich darunter in typischer Manier Intros und Sprechpassagen befinden mögen – viele Feinheiten untergehen. Ja, förmlich überschwemmt werden. Die Opulenz der Platte ist erdrückend. Freut man sich über ein kleines Detail wie die Fiedel bei „TYRANT“, den schmeichelnden Groove bei „BODYGUARD“ oder die Sample-Explosion bei „YA YA“ („These Boots Are Made For Walkin“, „Good Vibrations“ und „Love Is Strange“), wird die Aufmerksamkeit schon wieder abgelenkt und zum nächsten vermeintlichen Höhepunkt gepeitscht. Da wirkt es schon fast beliebig, dass Dolly Parton gleich zweimal mit Statements zu hören ist, sich Miley Cyrus, Post Malone oder Legende Willie Nelson als Gäste die Klinke in die Hand geben oder Beyoncé mal eben den Beatles-Song „Blackbird“ covert. Nun, die Platte – auch wenn sie mit ihrer Dynamik einen anderen Eindruck erweckt – läuft einem zumindest nicht davon. Oder galoppiert, wie Miss Carter auf dem grandios gestalteten Cover. Wenn man also nicht von der Schnappatmung gelähmt ist, dass Beyoncé den Weißen das Fürchten lehrt, indem sie Country und Co. für eine breitere Masse an Menschen zurückerobert, kann man sich in den kommenden Wochen und Monaten intensiver mit all dem Bombast auseinandersetzen, den sie schneller in den Äther geschossen hat, als Lucky Lukes Schatten es vermocht hätte. Es bleibt zu danken für ein Album, das neben seiner unterschwelligen Kritik an Machtverhältnissen auch musikalisch weit mehr zu bieten hat als vieles, was vom Mainstream derzeit frenetisch gefeiert wird. Nur muss diese Tatsache eben etwas in den Hintergrund treten.


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