REVIEW: Beth Gibbons „Lives Outgrown“

Wer, wenn nicht Beth Gibbons, vermag es derart gekonnt, erhellende Botschaften in dunklen Tönen zu verpacken: „Lives Outgrown“.

Beth Gibbons wirkt nicht wie jemand, der Dinge überstürzt oder überhastet angeht. Der allzu spontan handelt und sich von kurzfristigen Impulsen (ver)leiten lässt. Deswegen verwundert es auch nicht, dass sie erst 33 Jahre nach der Gründung ihres Erfolgsprojekts Portishead Anfang der Neunziger ihr erstes Soloalbum veröffentlicht – an dem sie rund eine Dekade gearbeitet hat. Zwar gab es 2002 das Kollaborationsalbum „Out of Season“ mit Rustin Man, aber es war eben nicht Gibbons allein, die dabei die Zügel in der Hand hielt und den kreativen Kurs vorgab. Anders auf „Lives Outgrown“. Mit Nachdruck rollt die Britin ihr Talent als gewichtige Sängerin und Songwriterin aus. Unterstützung gab es lediglich von James Ford und teilweise auch von Lee Harris (Talk Talk), die als Produzenten die Entstehung begleiteten. 10 Songs, einer massiver und eindringlicher als der andere, beherbergt „Lives Outgrown“. Es sind Reflexionen über Verluste, aber auch über das Loslassen, die die Platte geformt haben. Mit bestechender Brillanz blickt Gibbons auf Schicksalsschläge in ihrem Leben zurück, vertont ihren Schmerz, erzählt aber auch davon, als Individuum gewachsen zu sein. Stücke wie „Lost Changes“ oder die Vorabsingles „Floating On A Moment“ und „Reaching Out“ zerren an den Nerven – ohne Gewalt, aber mit Nachdruck. Keine leichte Kost! Vorrangig düster flirrende, von Melancholie beherrschte Klangszenarien sind es, die einem auf „Lives Outgrown“ begegnen. Ein Phänomen, das Portishead-Fans bekannt vorkommen dürfte, das aber im Verlauf des Solowerkes von Beth Gibbons durch fiebrig-psychedelische Sequenzen (z.B. in „Rewind“) ergänzt und in seiner Wirkung verstärkt wird. Trotzdem kann man auch Trost finden, wenn man nur aufmerksam zuhört und sich nicht von der vermeintlichen Schwere der Titel mitreißen lässt. Es gilt standzuhalten, den Mut nicht zu verlieren und schließlich neue Perspektiven, neue Sichtweisen zu entdecken. Dafür liefert Beth Gibbons „Lives Outgrown“ das nötige Rüstzeug, wenn man die erste Lähmung überwunden hat und sich dem Kampf stellt. Denn Entwicklungspotenziale können sich nur dort entfalten, wo auch Hindernisse und Aufgaben auf uns warten. „Lives Outgrown“ ist kein beliebiges Album, es fordert uns als Hörer*innen zu einer echten Auseinandersetzung auf. Eine Auseinandersetzung, die sich allerdings auf ganzer Linie auszahlt.


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