REVIEW: Billie Eilish „HIT ME HARD AND SOFT“

Billie Eilish wird gerne als die neue Lana Del Rey gehandelt, was ihre kreative Emotionalität betrifft. Doch im Gegensatz zu ihrer Kollegin weiß sie mehr als nur eine Gefühlsfarbe zu bedienen und fungiert auf „HIT ME HARD AND SOFT“ als mutige Dompteurin unterschiedlichster musikalischer Genres.

Welche Last muss auf den Schultern von Billie Eilish liegen? Mit gerade einmal 22 Jahren steht die Kalifornierin im Zentrum eines medialen Hurrikans, der spätestens mit der Veröffentlichung ihres Debüts „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ (2019) richtig Fahrt aufgenommen hat und seitdem nicht wieder zur Ruhe gekommen ist. Alles, was Billie tut oder nicht tut, wird öffentlich diskutiert und seziert. Sei es ihr Kleidungsstil, ihre Frisur, ihr Gewicht oder ihre Sexualität. Jeder hat eine Meinung und scheut sich auch nicht, diese lautstark kundzutun – ungeachtet der Tatsache, dass damit über eine junge Frau geurteilt wird, die mitten in ihrer Identitätsentwicklung steckt. Dem wieder und wieder standzuhalten, das allein verdient höchsten Respekt. Aber Billie macht noch viel mehr. Sie setzt dem ganzen Rummel und Voyeurismus eine Haltung entgegen, die sie zum Vorbild für viele junge (und manchmal auch ältere) Menschen hat werden lassen. Lässig tänzelt sie durch den Pressedschungel, setzt Trends, bricht mit Schönheitsidealen und outet sich fast beiläufig als bisexuell – womit sie unterstreicht, dass daran nichts Ungewöhnliches zu finden ist. „HIT ME HARD AND SOFT“ ist eine intime Auseinandersetzung mit ihrer Rolle als popkulturelles Phänomen, hinter dem sich ein fühlendes Wesen verbirgt. Während viele Journalisten hinter dem Titel eine Analogie zur Bandbreite der Sounds und Dynamiken der Platte vermuten – ein durchaus berechtigter Gedanke – sehen und hören wir eher Billies Ambivalenz, sich mit ihrem Stardasein zu identifizieren. Die Lyrics sind voll von Sinnfragen, Zweifeln, aber auch einer Lust am Leben, so wie es sich gerade darstellt. Nachdenklich, als hätte sie schon alles gesehen, gefühlt und durchdacht, zieht die mehrfache Grammy- und Oscar-Preisträgerin Bilanz. Das ist beeindruckend und fast schon beängstigend. Man fragt sich unwillkürlich, ob man mit Anfang zwanzig genauso geordnet auf die eigene Exsitenz hätte blicken können. Vermutlich nicht, was aber auch daran liegen mag, dass man andere Entwicklungsaufgaben zu meistern hatte, als sich auf einen Schlag mit der ganzen Welt auseinandersetzen zu müssen. Für „HIT ME HARD AND SOFT“ tauchen Billie und Finneas, der nicht nur ihr Bruder, sondern seit jeher auch ihr Produzent ist, in die unterschiedlichsten Klangwelten ein. Von eher typischen Inszenierungen (das schwelgerische „SKINNY“, das provokante „LUNCH“, „WILDFLOWER“ oder „THE GREATEST“, das auch hervorragend auf den Vorgänger „Happier Than Ever“ (2021) gepasst hätte) bis hin zu kleineren und größeren Experimenten. Da wäre zum Beispiel „L’AMOUR DE MA VIE“, das als jazzig angehauchte Nummer in der Tradition von Amy Winehouse beginnt und sich dann in eine Eurodance-Hymne verwandelt, bei der die Sängerin ihre Stimme beherzt durch alle Facetten des Autotunes jagt. Oder „BITTERSUITE“ – eine psychedelische Electronica-Ballade, die mit einem smoothen Chillout-Zwischenteil aufwartet und in einem dronigen Finale mündet. „BIRDS OF FEATHER“ wiederum präsentiert sich als naiv angehauchte Pop-R’n’B-Fusion, das von einem „Studio Ghibli“-Animationsfilm inspirierte „CHIHIRO“ lehrt uns, wie Synthesizer funkeln können, „THE DINER“ erinnert an eine Mischung aus Electro-Tango à la Gotan Project und der Lässigkeit eines Damon Albarn (Gorillaz), und „BLUE“ beschließt das Album als „Sturm und Drang“-Statement mit versöhnlicher Schlussnote. Billie Eilish bietet auf „HIT ME HARD AND SOFT“ Drama, Witz und Eleganz und zeigt, dass sie noch einige Trümpfe in der Hinterhand hat.


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