Mehr als nur ein Konzeptalbum: „Miss Flower“ von Emilíana Torrini ist die beeindruckende Aufarbeitung einer spannenden Biografie und der Versuch, sich selbst darin zu spiegeln.
Wir sind oft derart mit uns selbst beschäftigt, dass wir kaum noch die Kraft haben, uns mit den Menschen um uns herum auseinanderzusetzen. Das ist schade! Denn überall warten spannende Geschichten darauf, gehört und erzählt zu werden. Als die Mutter ihrer guten Freundin Zoe starb, half Emilíana Torrini, deren Hinterlassenschaften zu sortieren. Was den beiden Frauen dabei in die Hände fiel, entfachte in der Musikerin ein wahres Feuer. Es weckte etwas in ihr, das lange geschlummert hatte – fast eine komplette Dekade lang. Nämlich eine unbändige Besessenheit. In einer Kiste unter dem Dachboden fanden die Freundinnen Briefe an Zoes Mutter Geraldine Flower. Liebesbekundungen von Bewunderer*innen, Affären und Ex-Partnerschaften. Torrini spürte, wie ihr Verstand und ihre Gefühle unmittelbar darauf reagierten. Plötzlich ratterte ihr kreativer Motor wieder und dröhnte lauthals auf. Sie konnte nicht anders, als sich ganz in die Welt zwischen den Zeilen zu vertiefen. Ihre Gedanken und ihr Puls rasten. Nachdem Emilíana Torrini ihre Solokarriere in den letzten zehn Jahren weitgehend auf Eis gelegt hatte – müde von den Irrungen und Wirrungen des Musikgeschäfts – und stattdessen jede externe Anfrage zur Zusammenarbeit wie die mit dem belgischen Colorist Orchestra, der zwei Alben folgten, einfach angenommen hatte, spürte sie, dass es an der Zeit war, wieder eigene Songs zu schreiben. Wieder mehr Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen. Texte und Melodien zu schreiben, die sich mit dem auseinandersetzen, was vor ihr auf Papier gedruckt und geschrieben wurde. Geraldine Flower muss ein Mensch gewesen sein, wie ihn sich kein Poet hätte besser ausdenken können. Selbstbestimmt, vielseitig, geheimnisvoll, nah- und unnahbar zugleich. Unzählige Anekdoten ranken sich um sie. Inspiriert von eben diesen, begann Torrini, ihre eigene Welt immer mehr mit der von „Miss Flower“ zu verknüpfen und die Grenzen zwischen beiden aufzuweichen. Fiktion und Realität tanzen auf der gleichnamigen Platte Hand in Hand. Mal hat die begabte Songwriterin dafür Textfragmente aus den Briefen verwendet, mal griff sie auf eigene Erinnerungen zurück. Und dann ist da der Song „Let’s Keep Dancing“, bei dem die Vergangenheit selbst zu Wort kommt. Wir hören das Sample eines Songs von einem von Geraldines Ex-Freunden. Ein Text, den er für sie vertont hatte. Nach langer Suche konnte Torrini besagten Mann ausfindig machen und erhielt von ihm nicht nur die Erlaubnis, die Gesangsspuren zu verwenden, er schenkte ihr auch das Foto, das nun das Cover von „Miss Flower“ ziert. Nur dass statt ihm – dank Photoshop – Emilíana Torrini Geraldine gegenübersitzt. Es ist, als würden wir zwei Vertraute beobachten, wie sie sich über das Leben austauschen. Und in gewisser Weise ist die Platte genau das. Eine Art Kommunikation zwischen Heute und Gestern. Initiiert von einer Künstlerin, die nicht nur ein unglaubliches Gespür für packende Dynamiken, Melodien, Klangelemente und Lyrics hat, sondern auch zu den Menschen gehört, die sich wirklich für ihr Gegenüber interessieren. Wer sich einmal mit Emiliana Torrini unterhalten hat – und der Autor dieses Textes hatte das Privileg mehrfach – spürt schnell, dass sie sich wirklich auf das Gespräch einlässt. Dass sie Fragen stellt und nicht bloß Antworten abspult. Genau das merkt man „Miss Flower“ an. Hier geht es nicht darum, eine packende Story auszurollen, die das Publikum dazu bringt, sich mit der LP auseinanderzusetzen. Vielmehr ist es eine aufrichtige Einladung, sich derer zu erinnern, die neben uns, vor uns und nach uns leben werden. Mit Respekt und Achtung.


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