Rundum gelungen: „Girl Missing“ von Albertine Sarges ist frisch und vertraut, farbenfroh und monochrom, massiv und zerbrechlich – eine Platte der versöhnlichen Gegensätze.
Man stellt sich gerne wunderschön ausgestattete, von Licht durchflutete, moderne Studios vor, in denen Musiker*innen kreativ werden können und ein fantastisches Album nach dem anderen erschaffen. Oder zumindest Orte, die zwar ein bisschen abgenutzt und schmutzig aussehen, aber Pilgerstätten der Underground-Szene sind, in denen legendäre Geschichten von den Wänden zu triefen scheinen. Albertine Sarges hat ihr neuestes Album „Girl Missing“ jedoch weder in der einen noch in der anderen Kulisse geschrieben und produziert. Stattdessen fand sie sich in einem Gemeinschaftsstudio in der tristen Berliner Einöde wieder. In einem grauen, uncharmanten Teil der Stadt, in dem sich aber wenigstens noch bezahlbarer Raum finden lässt. Weit weg vom pulsierenden Zentrum. Auch wenn es nach einer schwierigen Mission klingt, ist es der gebürtigen Hauptstädterin gelungen, genau in dieser Umgebung musikalische Visionen zu entwickeln und zu verfolgen. Sie selbst sagt, dass die Uninspiriertheit der Umgebung vielleicht sogar der ausschlaggebende Faktor war, um dort etwas Funkelndes, Aufregendes entstehen zu lassen. Und das ist „Girl Missing“. Die Platte ist ein Paradebeispiel für ein intimes, nachdenkliches und doch von Emotionen und Impulsen geleitetes Album. Mehr denn je hat Sarges mit verschiedenen Klangstilen experimentiert und ihre Stimme geformt und manipuliert. Herausgekommen ist eine vielschichtige LP, die mal an den Chamber-Pop der Sechziger, mal an Disco und Folk der Siebziger, mal an Dreampop und Postpunk der Achtziger oder auch an Alternative-Rock-Einflüsse der Neunziger erinnert. Leichtfüßig tänzelt Albertine Sarges durch über 50 Jahre Musikgeschichte und sorgt so dafür, dass sich die 12 Titel Takt für Takt von zeitlichen Prägungen lösen können. Wüsste man nicht, dass die Platte in diesen Tagen erschienen ist, wäre es tatsächlich mehr als schwierig zu sagen, aus welchem Jahrzehnt sie eigentlich stammt. Der Genremix funktioniert jedoch – entgegen dem, was man denken könnte, wenn man liest, was da alles zusammengeschmissen wurde – als Ganzes hervorragend. Die rote Fäden, die sich dabei durchziehen, sind zum einen Sarges Geschick, sich besagte Spielarten und Genres zu eigen zu machen, zum anderen aber auch ihre markante Stimme, die alles andere als gefällig klingt und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Diese ist es auch, die die Hörer*innen wie ein fliegender Teppich durch das bunte Gemisch trägt. Ein gemütlicher, auf dem man sich gerne niederlässt, während die unterschiedlichsten Landschaften vorbeiziehen. Thematisch bleibt sich Sarges treu und verarbeitet einmal mehr sowohl alltägliche Gedanken über Liebe, Beziehungen und Identität als auch größere Reflexionen, etwa über die Rolle des Universums. Es sind Alben wie „Girl Missing“, die man braucht, um zu verstehen, wie groß das künstlerische Potenzial der Menschheit eigentlich ist. Eine Tatsache, die man gerne vergisst, wenn aus dem Radio der immer gleiche Einheitsbrei dröhnt.


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