Emile Mosseri ist zu Gast in Deutschland. Grund genug, mit dem US-Amerikaner auf seine bisherige Karriere zurückzublicken und weitere Gründe zu liefern, warum man sich den von uns präsentierten Auftritt in Berlin auf keinen Fall entgehen lassen sollte!
Du hast Musik studiert und gleichzeitig angefangen, in kleinen Underground-Clubs zu spielen. Wie essenziell waren diese Grundlagen für deine Karriere?
Schwer zu sagen, alles fließt irgendwie ineinander, ob du Musik für eine Band machst, eine Show planst oder klassische Musik für einen Film schreibst. Jede musikalische Erfahrung formt dich. Ich habe meine Zwanziger und frühen Dreißiger in einem Van verbracht, bin gereist und habe jede Nacht mit meinen besten Freunden aus der Kindheit gespielt. Ich habe viel von ihnen gelernt, musikalisch und menschlich.
Heutzutage werden Künstler gerne über Nacht durch die sozialen Medien berühmt. Wie denkst du über dieses Phänomen?
Es ist großartig, wenn Menschen diese Instrumente nutzen, um ihre Kunst einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Gleichzeitig bergen die sozialen Medien aber auch die Gefahr, dass man sich ablenken lässt. Wenn man nicht aufpasst, verliert man Zeit für das, was wirklich wichtig ist: die Musik.
Würdest du sagen, dass sich die Musikindustrie immer noch im Wandel befindet?
Die Musikindustrie verändert sich ständig, ich bin nach einer Pause wieder eingestiegen. In vielerlei Hinsicht ist es schwieriger geworden, sich durchzusetzen. Musiker*innen konkurrieren nicht nur untereinander, sondern auch mit Netflix und Tiktok, mit Memes, mit Videos von Fröschen, die sich küssen, mit Delfinen, die Taucher*innen helfen, ihre Taucherbrillen zu finden, und mit allem, was man sich sonst noch vorstellen kann. Aber die gute Nachricht ist, dass es so viele großartige neue Künstler*innen gibt, die ihre Werke in die Welt hinaus tragen.
Vor allem die Rolle von Spotify wird derzeit heftig diskutiert und kritisiert. Deine Tracks werden auf der Plattform millionenfach gestreamt. Hat das finanzielle Auswirkungen?
Ja. Es ist ein heikles Thema, weil die Leute keine Platten mehr kaufen. Aber es kann auch ein Weg sein, Menschen mit Musik zu erreichen. Meine Stücke haben es in den Algorithmus von Spotify geschafft, dank der Filme, die ich vertont habe, und aus anderen Gründen.
Was sind deine schönsten Erinnerungen an deine bisherige Karriere?
Ich glaube, das war die Begegnung mit meinem Freund Joe Talbot, dem ersten Filmemacher, der mich für die Musik zu seinem Spielfilm „The Last Black Man In San Francisco“ engagierte. Das war ein großer Moment für mich. Ich erinnere mich, wie ich mich in seinen Film verliebte, für ihn vorsprach, die ganze Nacht Musik schrieb, ihn am nächsten Morgen traf und wir uns auf Anhieb verstanden. Seitdem sind wir nicht mehr voneinander losgekommen.
Einem breiteren Publikum bist du vor allem durch die bereits erwähnten Soundtrack-Arbeiten bekannt. Wo überschneiden sich diese mit dem, was du jetzt als Songwriter veröffentlichst?
Das hängt alles zusammen. Ich habe mein ganzes Leben lang Songs geschrieben und erst in den letzten 10 Jahren angefangen, ernsthaft Filme zu vertonen. Regisseure und Drehbuchautoren zu treffen, die ihr Herz auf der Leinwand zeigen, hat mich dazu inspiriert, mich beim Songschreiben weniger zu verstecken, ehrlicher zu sein und mehr Spaß zu haben.
Ohne zu lange in der Vergangenheit verweilen zu wollen: Was war das für ein Gefühl, für den wichtigsten Filmpreis der Welt in der Kategorie „Original Score“ nominiert zu sein?
Es war ein Wahnsinnsgefühl, von dieser Institution anerkannt zu werden. Eine Menge Dopamin schoss durch mein Gehirn. An dem Morgen, an dem ich nominiert wurde, hat mir fast jeder, den ich je getroffen habe, die Hand geschüttelt oder mit mir gesprochen. Das macht etwas Seltsames mit deiner Gehirnchemie. Aber es verändert weder dich noch deine Arbeit, es ist nur eine Verschiebung der Wahrnehmung für eine kurze Minute. Mit etwas Abstand fühlt es sich nach wie vor bedeutungsvoll an, dass die Nominierung direkt von Kolleg*innen, von Komponist*innen innerhalb der Akademie kommt. Das ist eine schöne Anerkennung.
Wie würdest du deine Musik Leuten beschreiben, die deine Singles und Alben noch nicht kennen?
Ich denke, Leute, die meine Partituren kennen, aber nicht meine Alben, werden hören, dass die Songs und die Partituren alle aus demselben Haus kommen.
Worum geht es thematisch auf deinem aktuellen Album „tryin to be born“?
Das Album ist voller Liebeslieder. Lieder über die Zuflucht, den Kampf, die Schönheit und den Schmerz einer langen, wahren Liebe. Es hat etwas Romantisches, über diese Seite der Liebe zu schreiben, anstatt über die Schmetterlinge am Anfang, die auch toll sind, aber mein Ziel war ein anderes. Meine Hoffnung ist, dass jeder, der in einer Langzeitbeziehung war, diese Songs als Liebeslieder erkennt.
Was gefällt dir an dem Album?
Mir gefällt, dass sie sich lebendig anfühlt. Das Album wurde von meinem Rock’n’Roll-Bruder Bobby Krlic produziert. Ich habe die meisten Songs innerhalb eines Monats Ende letzten Jahres geschrieben. Dann habe ich sie in fünf Tagen live in Alhambra aufgenommen, zusammen mit Bobby und meiner Traumband, bestehend aus Meg Duffy, Dougie Stu und Kosta Galanopoulos. Wir haben versucht, gute Takes zu einzufangen, wie man einen frischen Fisch fängt, und wir haben uns wie eine kleine Familie gefühlt, die harmoniert.
Ihr seid aktuell auf Tournee. Was kann das Publikum erwarten?
Das Publikum kann Spaß erwarten! Intime Aufführungen meiner persönlichen Songs und meiner Filmkompositionen. Ich freue mich darauf, rauszugehen und Musik zu machen.
Fotocredit: Joe Talbot

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