Während kontrovers diskutiert wird, ob man Arcade Fire wegen der Vorwürfe gegen ihren Sänger Win Butler canceln sollte oder nicht, haben wir uns entschlossen, ihrem neuen Album „Pink Elephant“ eine Chance zu geben und diese sensible Platte zu erforschen.
„Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten“ – dieses mentale Experiment wird von Psychologen gerne verwendet, um zu verdeutlichen, dass man Gedanken nicht kontrollieren kann. Dass ein bestimmter Auslöser Bilder in unserem Kopf erzeugt, die wir nicht einfach wegschieben können. Kaum ist vom rosa Elefanten die Rede, tanzt er auch schon vor unserem inneren Auge. Interessant, dass Arcade Fire ausgerechnet diese Metapher als Titel für ihr siebtes Album gewählt haben. Denn wenn man sich zuletzt mit der Band aus Montreal beschäftigt hat, dann waren es vor allem negative Schlagzeilen, die für Aufmerksamkeit sorgten. Im Jahr 2022 wurde Win Butler von vier Personen öffentlich beschuldigt, ihnen sexuell konnotierte Nachrichten und Bilder geschickt zu haben und auch tätlich übergriffig geworden zu sein. Butler nahm dazu öffentlich Stellung, räumte ein, seine Frau und Bandkollegin Regine betrogen zu haben, bezeichnete aber alle Kontakte als einvernehmlich. Bis heute gibt es weder einen Prozess noch ein Urteil, das den 45-Jährigen als Straftäter ausweist. Und doch liegt ein Schatten über der genialen Musik von Arcade Fire. Nun könnte man endlose Debatten darüber führen, was Schuld bedeutet, wie psychische Probleme Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit beeinflussen können – denn das gab Butler als Grund für sein Verhalten an – oder ob man Künstler*in und Werk voneinander trennen kann. Als unsere Redaktion „Pink Elephant“ zugeschickt bekam, ließen wir uns Zeit mit der Platte.. Einatmen, ausatmen. Den richtigen Moment zum Hören finden. Was sofort auffällt, ist, dass es ein sehr ruhiges Album ist. Sphärisch, filmisch. Statt des elektrifizierten, discolastigen Prunks vor allem der letzten Alben „We“ (2022) oder „Everything Now“ (2017), mit denen Arcade Fire live durch riesige Stadien zogen, gibt es nun vorrangig Titel in der Tradition von Tracks wie „Neon Bible“ oder „Here Comes The Night Time II“. Größtenteils unaufgeregt gehalten, fast ehrfürchtig. Im Pressetext heißt es, die Band habe über Dunkelheit und Licht, über die Schönheit im Inneren meditieren wollen. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es auch darum geht, dass sich der aufgewirbelte Staub der letzten Jahre ein wenig legen kann. So bitten sie vielleicht implizit, ohne sich direkt an ihre Fans zu wenden, um Verzeihung und Mitgefühl. Denn das schafft „Pink Elephant“. Die Platte hat etwas Versöhnliches und ist musikalisch und was das Songwriting betrifft zweifellos ein grandioses Werk. Butler und Co. stellen eine Seite ihres Schaffens in den Fokus, die sie in der Vergangenheit immer wieder aufblitzen ließen und die ihren schwungvollen LPs oft die nötige Bodenhaftung als Kontrast verlieh. Ob man den Indierockern schlussendlich noch eine Chance geben will, muss jede*r für sich selbst entscheiden. Wer ihre Kunst als solche mag, dürfte sich jedenfalls über dieses eher blasse, reduzierte Klangpuzzleteil freuen. Erst im Schlusstrack „Stuck In My Head“ geht es laut und wütend zu. Vielleicht als Reaktion auf eigene Fehlentscheidungen, auf private Trümmerfelder oder auf die Macht der Öffentlichkeit, Hypes zu entfachen und sie in kürzester Zeit wieder dem Erdboden gleichzumachen. Konzerttechnisch planen Arcade Fire für „Pink Elephant“ übrigens intime Shows statt groß angelegter Massenkonzerte. Möglicherweise ein kluger Schachzug.


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