Ein mehrdimensionales, atemberaubendes Erlebnis: Mark Pritchard und Thom Yorke erzählen mit „Tall Tales“ nicht nur Geschichten, sie lassen sie lebendig werden, so dass sie uns bei den Sinnen packen können.
Wenn wir auf die Corona-Pandemie zurückblicken, bleiben wir schnell an schmerzhaften, irritierenden oder wütenden Gefühlen hängen. Kaum jemand kann dieser Zeit etwas Positives abgewinnen, was verständlich ist. Doch der Stillstand hat auch ein paar interessante Projekte hervorgebracht, vor allem im musikalischen Bereich. So nutzte der DJ, Labelbetreiber und Elektrokünstler Mark Pritchard beispielsweise die Zwangsentschleunigung, um seinem Kollegen und Kumpel Thom Yorke, für dessen Band Radiohead er einige Remixe und mit dem zusammen er bereits den Track „Beautiful People“ für das Album „Under The Sun“ (2016) produziert hatte, eine ganze Flut von MP3-Dateien zu schicken. Ideen, die bei Yorke auf fruchtbaren Boden fielen. Es bedurfte keiner weiteren Überredungskunst, da war klar, dass eine intensivere, umfassendere Kollaboration folgen musste. „Tall Tales“ ist das Ergebnis dieser. Angelehnt an die Kraft der Märchen, die der Psychoanalyse nach Sinnbilder für menschliche Archetypen, für die relevantesten Motive unseres Daseins darstellen, haben die beiden Briten ein beachtliches Werk geschaffen. In zwölf Tracks vereinen Pritchard und Yorke nicht nur ihre Talente, sondern lassen sie sich gegenseitig potenzieren. So sehr, dass den Songs am Ende etwas Übernatürliches anhaftet, etwas, das nicht von dieser irdischen, materiellen Welt zu sein scheint. Es ist schon beachtlich, wie raffiniert die fertige LP wirkt, wenn man bedenkt, dass Yorke nebenbei drei Alben mit seiner Band The Smile, einen Filmsoundtrack („Confidenza“) und diverse Features realisiert hat. Man könnte meinen, dass bei dieser Menge an Veröffentlichungen die Qualität irgendwann leiden müsste. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mit jeder neuen Arbeit strahlen vor allem der 1968 in Wellingborough, Northamptonshire, geborene Sänger und seine Stimme immer heller, glänzender, sphärischer. Getragen von Pritchards verträumt-galaktischen Tunes entsteht so der Eindruck eines sich ins Unendliche ausdehnenden Klanguniversums, in dem man als Hörer*in stundenlang schwerelos umherschweben möchte. Göttlich. Bleibt schlussendlich nur noch zu sagen, dass „Tall Tales“ mehr ist, als der Name verspricht. Es sind nicht nur große Erzählungen zweier begnadeter Talente, sondern Perfektion in Hörspuren gegossen. Ergänzt durch die Beiträge des bildenden Künstlers und Designers Jonathan Zawada, der sich als drittes Mitglied für die visuellen Aspekte – Cover und Videos – verantwortlich zeigt, begeistert „Tall Tales“ zudem auch optisch. Fantastisch!


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