REVIEW: Morcheeba „Escape The Chaos“

Stilistischer Stillstand hat selten schöner geklungen: „Escape The Chaos“ trägt zu 100% die DNA in sich, die Morcheeba zu einem der wichtigsten Trip-Hop-Acts aller Zeiten gemacht hat, und verzichtet bewusst auf jedes Risiko.

Morcheeba sind zurück! „Escape The Chaos“ ist bereits das elfte Album in ihrer dreißigjährigen Karriere – und das neunte mit Sängerin Skye Edwards als Frontfrau. Diese hatte sich zwischen 2003 und 2009 von der Band getrennt, um dann zurückzukehren und zu zeigen, dass sie maßgeblich am Erfolg von Morcheeba beteiligt ist. Anders scheint der Einfluss von Paul Godfrey zu sein, der die Band 2014 mit der Begründung verließ, er sei es leid, das Rad immer wieder neu erfinden zu wollen und ständig auf Tour zu sein. Sein Austritt war weder hörbar noch führte er zu einem Rückgang der Ticketverkäufe. Im Gegenteil, Skye und sein Bruder Ross Godfrey scheinen ein echter Dauerbrenner in der Gunst des Publikums zu sein. Sie füllen nach wie vor große Hallen und das scheinbar völlig unabhängig davon, ob und welche Musik sie veröffentlichen. Live verlangen die Fans ohnehin größtenteils Hits aus den Anfangsjahren. Doch genau hier liegt der Hund begraben. Denn wie Paul Godfrey in seinem Statement andeutete, geht es Morcheeba gar nicht darum, einen Neuanfang zu wagen oder sich weiterzuentwickeln. „Escape The Chaos“ hätte in dieser Form auch zu Zeiten der Kassenschlager „Big Calm“ (1998), „Fragments of Freedom“ (2000) oder „Charango“ (2002) erscheinen können. Wir hören den gleichen Soundmix aus Trip-Hop, Ambient, Chillout sowie Einflüssen aus Funk, Reggae, Pop und Rock wie vor 20 Jahren, getragen von Skyes hypnotischem Gesang. Zwar gibt es textliche Bezüge zur Gegenwart, indem die weltpolitische Lage kritisiert und beleuchtet wird und Morcheeba in den allgemeinen Verdruss über die Entwicklung unserer Gesellschaft einstimmen, aber man muss schon sehr genau hinhören, um das neben all der Nostalgie-Romantik überhaupt zu entdecken. Dabei ist  „Escape The Chaos“ keineswegs eine schlechte oder langweilige Platte. Im Gegenteil, die Songs zeugen von großartigem Songwriting, fesselnder Dynamik und durchdachten Texten. Für sich genommen eine wunderbare LP, die aber wie ihre Vorgänger nicht aus dem Schatten ihres Erbes heraustreten kann. So bleibt „Escape The Chaos“ trotz allem nur ein Grund für Morcheeba, wieder auf die Bühne zurückzukehren, um ihre Evergreens zu spielen. Die Songs von „Escape The Chaos“ werden dann wohl zu austauschbaren Lückenfüllern verkommen, die den Fluss nicht stören, die aber auch niemand vermissen wird, wenn das zwölfte Album auf den Markt kommt. Fast tragisch, wenn man sich Titel wie „Molten“, „Dead To Me“, „We Live And Die“ oder die beiden Gastauftritte von Amanda Zamolo („Pareidolia“) oder Rapper Oscar ‚Worldpeace („Peace Of Me“) genauer betrachtet. Denn diese sind großartig. Es fehlt ihnen nur an Innovation. Hier und da ein kleiner Schliff, der zu Irritationen führt, wie einst „Dive Deep“ (2008), das an sich ein echter Wendepunkt im Schaffen von Morcheeba war, aber von der Fangemeinde abgestraft wurde, hätte durchaus Interesse wecken können. Die Briten haben aber haben ihre Lektion gelernt und füttern uns weiterhin mit Köstlichkeiten nach altbekanntem Rezept. Und es schmeckt!


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