Ein transformativer Prozess: Mit „Crying The Neck“ kehrt Patrick Wolf endgültig ins Leben zurück und verwurzelt sich in seiner Heimat England und deren kulturellem sowie musikalischem Erbe.
Wenn der moderne Alltag mit all seinen Belastungsfaktoren, teuflischen Versuchungen und seinem schnellen Wesen an unseren mentalen Reserven zehrt, dann braucht es Ausgleich. Nach Krisen, Sucht, Bankrott und zuletzt dem Tod seiner Mutter fand Patrick Wolf in der Natur Großbritanniens ein sowohl physisches als auch psychisches Refugium, um neue Energie zu tanken und sich von einer Last nach der anderen zu befreien. Ganze zehn Jahre hatte er sich von der Musik zurückgezogen, um 2023 mit der EP „The Night Safari“ zurückzukehren. Dazwischen war er zu ausgelaugt und erschöpft gewesen. Jetzt präsentiert sich Wolf jedoch stärker denn je und arbeitet die letzte Dekade kreativ auf. „Crying The Neck“, seine neue LP, ist dabei nur der Auftakt einer geplanten vierteiligen Album-Serie, die thematisch dem Zyklus der Jahreszeiten folgt. Wie auch in einer Therapie oft sinnvoll, beginnt der Londoner seine Reflexion damit, zu trauern. Er betrauert die Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart sowie eine verpasste Zukunft und versucht, Akzeptanz gegenüber den Gegebenheiten zu entwickeln. In diesem Zuge nutzt er vor allem heidnische, archaische Bilder, wie den Schrei von Erntearbeitern, wenn sie den letzten Halm des Getreides abschneiden. Dieser Schrei ist als das titelgebende „Crying the Neck“ bekannt – man beachte hierzu auch das Cover der Platte, auf dem sich Wolf in entsprechender Pose inszeniert hat. Wie mächtig die Auseinandersetzung mit dem emotionalen Erleben sein kann, zeigt die Dynamik von „Crying The Neck“ eindrucksvoll. Anstatt melancholisch daherzukommen, können wir größtenteils die Hoffnung vernehmen, die am Ende eines Trauerprozesses steht. Eeben wie ein Frühling nach einem kalten und harten Winter. Sowohl textlich als auch instrumentell setzt die LP auf Opulenz und Strahlkraft. Patrick Wolf nutzt dafür vorrangig Folklore- und Country-Einflüsse, verkörpert durch Viola, Appalachian Dulcimer, Bariton-Ukulele, Klavier und Kantele, die er mit Indierock und den elektronischen Klängen seines altbewährten Ataris mischt. Sein Gesang wirkt derweil gewohnt theatralisch und wird durch Gastbeiträge von Zola Jesus und Serafina Steer perfekt ergänzt. Man darf gespannt sein, welche Abzweige Patrick Wolfs Reise – persönlich wie künstlerisch – noch nehmen wird.


Kommentar verfassen