REVIEW: Themis „Self Mythology“

Themis inszeniert den Prozess der Selbstreflexion als feudalen, hochästhetischen musikalischen Akt: „Self Mythology“.

Während wir uns oft mit den Wundern, Rätseln und Irritationen um uns herum beschäftigen und unsere Aufmerksamkeit nach außen richten, fokussiert Themis den Blick nach innen, um sich selbst und seine Komplexität besser zu verstehen. Das Album „Self Mythology“ ist, wie der Titel bereits vermuten lässt, eine ebenso kritische wie ehrwürdige Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Als Mitglied der queeren Community musste sich Themis schon früh mit seiner Identität beziehungsweise dem Bild, das die Umwelt von einem jungen, heranwachsenden Mann erwartet, auseinandersetzen, dieses hinterfragen und sich davon distanzieren. Begleitet wurde er dabei von Zweifeln und unguten Gefühlen, aber auch von einer mit jedem Tag und jedem überwundenen Hindernis wachsenden Zuversicht und Stärke. Heute ist Themis in einem stabilen Verständnis von dem angekommen, was ihn als Mensch ausmacht. Und das ist neben der Alltagsperson auch sein künstlerisches Alter Ego. Hört man sich die klangliche Gestaltung von „Self Mythology“ an, einer Platte zwischen Noiserock, Grunge, Postpunk und Shoegaze, könnte man meinen, dass es sich dabei um einen düsteren Gesellen handelt. Dabei ist bekanntlich immer auch Licht, wo Schatten ist. Wer sich traut, in die Nacht hinauszusteigen, muss schließlich auch ein Leuchten in sich tragen, um seinen Weg zu finden. Themis bewegt sich wendig und leichtfüßig durch die komplexen Klanglandschaften, die er zusammen mit dem Produzenten Ralv Milberg erdacht und mit seinen Bandmitgliedern Henri Schweizer (Bass), Nico Zeitz (Gitarre) sowie Korbinian Öhy (Schlagzeug) zum Leben erweckt hat. Hinzu kommt ein Hang zu großen tonalen Gesten und Opulenz. Man kann förmlich spüren, wie gerne sich der Stuttgarter zwischen schallenden und knarzenden Melodien und Beats austobt, aber auch innehalten kann, um mit der eigenen Gefühlswelt in Kontakt zu treten und seiner Emotionalität Ausdruck zu verleihen. „Self Mythology“ ist ein rauschendes Fest, das Zweifeln und trüben Gedanken den Kampf ansagt und Selbstsicherheit zelebriert. Es ist ein bisschen wie eine fulminante Silvesterfeier, bei der durch Feuerwerk und Knaller die Geister der Vergangenheit vertrieben werden sollen, sodass der Zukunft der Weg freigeräumt wird. Dazu schwarz zu tragen, ist dann eher eine Stilfrage als ein dunkles Statement. Denn was diese Farbe – sowohl optisch als auch im übertragenen, soundtechnischen Sinne – vermag, ist, Raum zu schaffen. Einen sich bis ins Unendliche ausdehnenden Raum, der genug Platz für Überlegungen jedweder Art lässt.


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