REVIEW: Kitty Solaris „Modern Mantra“

Zusammen mit Daniel Benyamins Ghost Place Society macht sich Kitty Solaris dafür stark, dass Musik wieder als das wahrgenommen wird, was sie einst war: eine wertvolle Kunstform, die keine Flatrate-Tarife akzeptiert. Ihr neues, äußerst hörenswertes Album „Modern Mantra“ erscheint auf unkonventionelle Art und Weise.

Spotify ist vor ein paar Jahren mit der Maxime angetreten, Musik zu jeder Zeit frei und kostenlos für jeden zugänglich zu machen – genauso wie später andere Streamingplattformen. Das schwedische Unternehmen nutzte dabei ein Samariter- oder Robin-Hood-Image und betonte in seinen Marketingansätzen stets die Liebe zu Künstler*innen und deren Werken. Man könnte durchaus von einer gewissen Scheinheiligkeit sprechen, wenn man es böse meint. Denn die Entwicklungen, die die Markteinführung von Spotify nach sich zog, waren verheerend für die komplette Musikbranche und haben Schäden in Milliardenhöhe verursacht. Zwar haben es die großen Labels geschafft, Deals auszuhandeln, die ihnen und ihren Schützlingen weiterhin Profite garantieren, doch die Independent-Szene hat derweil mit massiven Einkommenseinbußen zu kämpfen. Das Perfide daran ist, dass besonders kleinere, unbekanntere Künstler*innen – so gern sie auch wollen – das Gefühl haben, nicht darauf verzichten zu können, bei entsprechenden Diensten präsent zu sein, da ein Großteil der Menschen eben genau dort Musik konsumiert und sie und ihre Songs sonst ungesehen und vor allem ungehört bleiben. Daniel Benyamin, der als Teil des Duos SEA + AIR bekannt wurde, hat sich trotzdem entschieden, dieser systematischen Entwertung von Independent-Musik etwas entgegenzusetzen. Mit der von ihm ins Leben gerufenen Ghost Palace Society versucht er, bewusst gegen den Strom anzuschwimmen, den Spotify und Co. nach sich ziehen. Und immer mehr Kolleg*innen schließen sich ihm an. Die Idee ist es, Alben in kleiner Auflage auf Vinyl zu veröffentlichen, exklusiv über das eigene Label Ghost Palace Records und zu Preisen, die diejenigen, die sonst 6 bis 18 Euro für den Zugriff auf den Komplettkatalog der meisten Plattenfirmen zahlen, erschrecken dürften. So kostet Kitty Solaris‘ neues Album „Modern Mantra“, das dieser Tage verfügbar wird, 120 Euro auf Platte und 60 Euro als Download. Ein Statement! Der Clou daran ist, dass die Tracks in ihrer Gesamtheit sonst nirgends verfügbar sind und die Vinyl-Ausgabe auf 250 Exemplare limitiert ist. Zudem werden 50 % der Einnahmen an den Verein Transaidency e. V. gespendet, der Familien in Gaza unterstützt. Was würde man auch sonst erwarten von einer Gruppe von Menschen, die sich Gedanken über das, was sie tun, machen und zudem Herz statt reine Gier sprechen lassen. Wer die bisherigen LPs von Kitty Solaris kennt – zuletzt konnte sie mit „James Bond“ (2024) sowohl im Radio als auch digital für Heavy Rotation sorgen –, der weiß, dass hinter dem Projekt eine extrem talentierte Sängerin und Songwriterin steht. Kirsten Hahn besitzt ein echtes Ausnahmetalent dafür, Melodien zu schreiben, die direkt die Seele berühren. Von größter Freude bis hin zu verträumter Melancholie! Auch die Titel auf „Modern Mantra“ bestechen durch ihre zugängliche Emotionalität sowie wunderbar rohe Rhythmen und Harmonien. Diese erwachsen direkt aus den kreativen Impulsen von Kitty Solaris und wurden dann mithilfe ihres Produzenten Damian Press aufpoliert, sodass sie noch mehr glänzen können. Wie kleine Diamanten! Kein einziger Song wirkt, als hätte er als Füllmasse herhalten müssen, sondern vielmehr, als habe er genau den für ihn vorbestimmten Platz eingenommen. Zwar gründet „Modern Mantra“ auf einer Konsistenz, die sich aus Folk-Einflüssen und Indiepop in Kombination mit Lo-Fi-Electronica nährt, und doch hat jeder Track seinen ganz eigenen Charakter. Mal gibt es Sixties-, mal Seventies-Referenzen, mal lädt Kitty Solaris unter die Discokugel, mal unter freiem Himmel ein. Die Texte der zwölf Stücke sind voller Gedanken über das Leben und die weltpolitische Lage. Und obwohl wir Hahns Sorgen und Verzweiflung vernehmen können, ist da eben auch der notwendige Optimismus, um die Hoffnung nicht zu verlieren und weiterzumachen. Am Ende sind es Visionen einer besseren Zukunft, die wir vermutlich alle gemeinsam haben. Sie könnten uns eines Tages dazu bringen, festgefahrene, schädliche Muster zu durchbrechen, von denen nur wenige profitieren, während viele andere leiden. Nichts anderes wollen auch die Ghost Palace Society und Kitty Solaris. Ein in jeder Hinsicht unterstützenswertes und mutiges Vorhaben!


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